dorau_ichSo, der Winter scheint doch nicht mehr zurückzukehren (oder überhaupt zu erscheinen). Können wir ja endlich mal zusammenfassen, was sonst noch so erschienen ist in den ersten beiden Monaten anno 2014. Mit einem doppelten Andreas Dorau, Ja, Panik, La Femme, The Jaydes, Milagres, Xiu Xiu, Animal Trainer, Dum Dum Girls und Gardens & Villa.

dorau_bibliothequeFangen wir gleich mit einem nachträglichen Glückwunsch zum 50. Geburtstag an. Ja, Andreas Dorau ist schon ewig dabei. Und der rüstige (hihi) Jubilar beschenkt sich und vor allem uns gleich mit zwei Veröffentlichungen. Zum ersten wäre da sein neues Album – „Aus der Bibliotheque“. Der eine oder andere mag schicke Samples und elektronische Elemente vermissen (ein paar gibt es, inklusive einer raffinierten Verwertung von Adamskis „Killer“). Was daran liegt, dass Dorau sich hier komplette Bandunterstützung (Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen) geholt hat. Dadurch bekommt das Album aber einen wunderbar vollen, warmen Klang. Über den Dorau seine unnachahmlichen Texte zwischen Dadaismus und Alltagsbeobachtungen singt. Es geht um Bücher, Flaschenpfand, Wochentage, das Periodensystem und noch viel mehr – ein rundes Vergnügen.

dorau_ichDoch, wie gesagt, Andreas Dorau hat noch mehr im Gepäck. Nämlich, wie sich das für Jubiläen gehört, eine Werkschau über seine doch recht erstaunliche Karriere. Auf „Hauptsache Ich!“ gibt es eine satte, 21 Songs starke Retrospektive von 1981 bis 2014. Und ja, „Fred vom Jupiter“, jener schräge NDW-Klassiker, den Dorau live eher nie spielt, ist dabei. Aber eben auch großartige Popsongs, Sample-Ideen und herrliche Texte voller genialer Momente. Halt all die Hits wie „Girls In Love“, „So ist das nunmal“, „Das Telefon sagt du“, „Kein Liebeslied“, „Stone Faces Don’t Lie“, „Blaumeise Yvonne“, „Der Wasserfloh“ undundund. In der Deluxe-Ausführung mit zweiter CD und weiteren 14 tollen Taten.

panik_libertatiaWir bleiben noch ein bisschen deutschsprachig. Jedenfalls größtenteils, denn Ja, Panik lassen auch auf „Libertatia“ nicht von ihrer Eigenart ab, englische Textstellen (hier kommen sogar noch ein paar französische dazu), gerne sloganartig, einzubauen. Ansonsten haben die Österreich-Berliner nach ihrem schwer verdaulichen Rundumschlag „DMD KIU LIT“ den richtigen Weg gewählt: Noch mehr Drama, noch mehr Politik ging nicht, also atmet man einfach mal locker durch die Hose und ändert den Stil. Zwingt die Menschen zum Tanzen. Lässt Keyboards, Pop und Funk ins Studio. Und erwischt den Hörer mit den nach wie vor bissig-gesellschaftsanalysierenden Texten um so unvermittelter. Wichtige Band!

femme_berlinWie geht es eigentlich so zu, in „Psycho Tropical Berlin“? Das fragen wir uns im Sommer – und der kommende soll es ja mal wieder in sich haben – des öfteren. La Femme aus Paris offensichtlich auch. Wenn die Antwort so wie hier ausfällt, besteht jedenfalls wenig Grund zur Sorge, es stellt sich eher als folgende Frage: Ist Surf-Synthiepop das nächste große Ding? Die abwechslungsreichen Songs, die die fünf Herren in der Band von gleich vier Sängerinnen interpretieren lassen, bieten New, Old und Cold Wave, Electro-Punk, garniert mit Surfpop, etwas Psychedelik und nicht zuletzt französischem Charmepop mit 60s- und 70s-Einschlag. Unterhaltsam, mitunter höchst eingängig und voll und ganz hörenswert.

the_jaydesNoch mehr Franzosen! Allerdings sind Marjorie Migliaccio alias Bloody Mary und ihr Studiopartner Attan sich erst in der Wahlheimat Berlin begegnet, wo es sogleich musikalisch klickte und alsbald The Jaydes geboren waren. Auf ihrem gleichnamigen Debütalbum lassen sie nun mit Hilfe von guten alten Analoggerätschaften die Klänge der 80er mit dem House der 90er verschmelzen. Was in cooler, durchgehend tanzbarer Clubmusik mit der gewissen Prise Pop resultiert. Zwischen funktional pumpend und gelegentlich melodisch (insbesondere bei den Tracks mit Gesang) finden die beiden die richtige Mischung.

milagres_lightFans von David Bowie (so zwischen Ende der 70er und Anfang der 80er) sollten vielleicht mal ein Ohr für das neue Album der Milagres riskieren. Nicht nur die Stimme von Sänger Kyle Wilson klingt mitunter ähnlich (allerdings nur mitunter, der Mann hat ein wandlungsfähiges Organ), auch der Sound auf „Violent Light“ ist durchaus ordentlich von Bowie beeinflusst, lässt aber außerdem auch moderne Einflüsse zu. Kraftvoll produzierte Songs, die Glam, Rock und Synthieeskapaden schwungvoll vereinen, eine Dynamik, die die oft düsteren und immer sehr persönlich geschriebenen Texte ertragen lässt. Und ansonsten auch, mal ganz schlicht gesagt: Richtig gutes Songwriting. TIPP!

xiu_gutsZwischendurch mal eine Herausforderung für Kopf und Ohren: Für so etwas ist Jamie Stewart alias Xiu Xiu ja immer zu haben. Hatten auf dem feinen Vorgängeralbum „Always“ überraschend eingängige Songs die harten Texte kontrastiert, ist nun wieder alles düster. Die Inhalte sowieso, da werden nur wenige Tiefen der menschlichen Existenz ausgespart. Aber auch die Sounds auf „Angel Guts: Red Classroom“ sind eine Abwendung von jeglicher Nähe zu so etwas wie Popmusik. Dunkelste Grummelbeats, wummernde Sounds wie in fiesen EBM- oder Dark-Wave-Kellern. Die Klänge aus den analogen Maschinen können einen ganz schön runterziehen. Aber auch: Ein faszinierender Horrortrip.

animal_wideWenn man in „Wide“, das Albumdebüt des Schweizer Duos Animal Trainer, reinhört, sollte man nicht den Fehler machen, nach dem ersten Titel wegzuzappen. Jener entspannt schlurfige Beginn, wo sogar eine Jazztrompete über den Flur kullert, täuscht nämlich erheblich. Lieber die nächsten beiden Stücke checken, dann stellt man nämlich fest, dass die beiden nicht zu Unrecht auf Oliver Koletzkis Label (Stil vor Talent) gelandet sind. Flotter House-Pop mit wechselnden SängerInnen (auf der Hälfte der Stücke) und Tempi. Mal ist es deep und zum Chillen geeignet, mal poppig fast bis zur Mitsummbarkeit und mal steht die Tanzbarkeit im Club im Vordergrund.

dumdum_truePressetexte zitieren ist doof. Aber das hier schreibt Dee Dee Penny, Sängerin der Dum Dum Girls, ja selbst: „Do you hear Suede? Siouxsie? Cold-wave Patti? Madonna? Cure? Velvet and Paisley Undergrounds? Stone Roses? Cuz I did.“ Auch wenn das ein bisschen viele (und auch teilweise recht hoch gegriffene) Referenzen sind – es trifft den Ton von „Too True“ doch recht gut. Das Damenquartett lässt New Wave und Post-Punk und vor allem den Melodien freien Lauf und heraus kommt eine halbe Stunde angenehmster Zeitreisemusik. Vereinzelt belanglos, auch mal kitschig, aber oft eben sehr einnehmend. Eben zwischen H&M-Werbung und Kellerclub.

gardens_dunesFinally, noch etwas Ungewohntes im Bereich Electropop: Eine Flöte. Ja, bei den Herrschaften von Gardens & Villa muss entweder die Sonne im heimischen Santa Barbara zu doll geschienen haben oder die Einsamkeit im mittleren Westen, wo sie „Dunes“ aufnahmen, auf den Kopf eingewirkt haben. Sonst kommt man doch nicht auf so ein uncooles Instrument, oder? Gut, dass Top-Produzent Tim Goldsworthy an den Reglern saß, um die komischen Klänge in sinnige Bahnen zu lenken. So kam doch noch ein interessantes Album heraus, auf dem sich einige starke (Electro-)Popmomente, aber auch einige seltsame Verschwurbeltheiten finden.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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Kommentar

  1. 7.5.2014 - 18:58 Uhr

    Live in HRO

    Liebe Forum-Leser,

    am Fr. ist Mister Dorau an der Ostsee, tendenziell nicht zum Urlauben ;-)

    DM+AD rule