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Wie zuletzt immer gegen Ende des Folgemonats (*hüstel*): Die Sammlung ausgewählter Kurzeinschätzungen zu interessanten Neuerscheinungen des Vormonats. Heute mit Sebastian Lind, Wild Nothing, Simina Grigoriu, Animal Collective, Robag Wruhme, Land Observations, Walk The Moon und The Fresh & Onlys.

Wir fangen gleich mal mit einer besonderen Empfehlung an. Was der Däne Sebastian Lind auf seinem Debütalbum „I Will Follow“ abliefert, zeugt davon, dass hier eine Menge Talent in einer Person zusammen kommt. Der Junge macht vom Songwriting über die Produktion bis hin zu Artwork und Video (s.u.) alles allein. Und der kann was. Was teilweise erstmal nach Singer/Songwriter klingt, überrascht immer wieder mit geschicktem Einsatz elektronischer Elemente – und ganz starken Melodien von Anfang bis Ende. Anspieltipps: eigentlich alles, insbesondere aber „Still Here“, „Another You“, „Never Let Go“ und „My Heart“. Großartig!

Wo wir (und andere) letztens das neue Album von Beach House so abgefeiert haben, da sollte auch Jack Tatum nicht vergessen werden. Dessen Einmannband Wild Nothing landet mit ihrem zweiten Album „Nocturne“ genau an jenen Dream-Pop-Stränden, an denen schon die New Waves der 80er brandeten. Die schwelgerischen Songs laden geradezu ein, sich in den Cast eines jener wunderbaren John-Hughes-Filme zu träumen. Aber Vorsicht beim Erwachen: Molly Ringwald ist nicht mehr ganz der Schwarm von damals und Ferris Bueller ist leider mit Carrie aus „Sex And The City“ verheiratet.

Bukarest. Toronto. Berlin. Simina Grigoriu hat schon eine gute Reise hinter sich. Die junge Frau ist außerdem derzeit als DJ sehr gefragt. Was vor allem am Können liegt, behaupten wir mal. Und nicht am Aussehen oder gar daran, dass sie Paul Kalkbrenner zunächst supportet und kürzlich sogar geheiratet hat. Auf ihrem Debüt „Exit City“ lässt sich zwar durchaus eine Soundverwandtschaft zum Erfolgspaule erkennen, es bleibt aber genug Eigenständigkeit. Die Stücke sind etwas organischer und gelegentlich sogar richtig poppig, v.a. die von der Britin MAMA gesangsunterstützten wie „Kokopelli“. Geht gut in Ohr und Bein.

Radiowellen. Wo landen die eigentlich, nachdem sie in den Äther gepustet wurden? Müssen wir irgendwann vielleicht mit Alienattacken als Rache für Seitenbacher-Müslispots rechnen? Ähnliche Fragen haben die Kritikerlieblinge vom Animal Collective bei der Arbeit an „Centipede Hz“ beschäftigt, deswegen schwirren auch immer wieder Radiofetzen durch die ohnehin schrägen Songs der (wieder vier) Soundverrückten aus Baltimore. Die schiere Vielfalt der größtenteils elektronischen Sounds kann einen zunächst komplett verwirren, wenn man den Wahnsinn aber wirken lässt, schält sich wieder einmal eine sehr spannende Hörerfahrung heraus.

Robag Wruhme hatte uns ja im letzten Jahr mit seinem atmosphärischen Technoalbum „Thora Vukk“ schwer beeindruckt. Nun hat er zur Feier des 15. Nachtdigital Open Airs in Olganitz einen „Olgamikks“ erstellt und zeigt erneut, wie es spielend leicht gelingen kann, tanzbare Elektronik mit entspannter Stimmung zu verbinden. Einige seiner besten Remixe der letzten Jahre (u.a. für Modeselektor feat. Thom Yorke, Kollektiv Turmstraße, Romboy vs. Bodzin oder Gui Boratto) sowie neues exklusives Material (auch von Wruhme selbst, mit gewohnt putzigen Tracknamen wie „Kuttenrolch“) verschmelzen zu einem extrem lässigen Mix.

Noch viel entspannter wird es beim neuen Projekt von James Brooks (Appliance). Er hat sich viel mit Land Observations beschäftigt und vor allem mit den zahlreichen „Roman Roads IV-XI“, die sich so durch seine englische Heimat ziehen. Dass Neu!-Schlagzeuger Klaus Dinger an einem Track beteiligt war, ist dabei kein Zufall. Denn die minimalistischen Sounds, die sich rund um sich ständig wiederholende Gitarrenschleifen drehen, erinnern u.a. an frühe Krautpioniere, aber durchaus auch an Filmmusik vom Stile Reich/Glass.

Ulkig ist es schon, dass ein solcher Ohrwurm wie „Anna Sun“ von Walk The Moon aus Cincinatti (Hatten wie schon mal etwas aus Cincinatti hier am Start?) knapp zwei Jahre braucht, um – zumindest auf diversen Videoplattformen und in zahlreichen Blogs richtig durchzustarten. Das nun dazugehörige Album, bandeigen „Walk The Moon“ benannt, schließt nun direkt an diesen unbeschwerten Pop an. Kein großer Anspruch, es wird einfach drauflosgetanzt. Indie-Disco-Pop-Rock der leichten Art, nicht ewig haltbar vielleicht, aber viel Spaß für zwischendurch.

Und wo wir uns gerade ein Stück von der Elektronik weg bewegt und auf sonnigen Pop konzentriert haben, verlängern wir den Spätsommer gleich noch ein bisschen. The Fresh & Onlys kommen aus Kalifornien und hören sich auf „Long Slow Dance“ auch genau so an. Zuzüglich einer großen Prise Britpops zwischen Belle And Sebastian und The Smiths. Mit herrlich schmelzenden mehrstimmigen Gesängen. Ach ja, so altmodische Musik muss auch mal sein.

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P.S. Unsere passende Playlist beim Streamingdienst WiMP gibt’s wie gewohnt hier (Nichtabonnenten hören für je 30 Sekunden rein, WiMP-Mitglieder natürlich vollständig). Viel Spaß!

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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