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Von seltsamseltenen Instrumenten über Großstaraufgebote und Kirmeselektronik bis hin zu ordentlichem Lärm ist einiges geboten in unserer kleinen Rundumschau der übrigen Aprilveröffentlichungen. Mit Stealing Sheep, Manu Delago, Nôze, Emile Haynie, Passion Pit, Drenge, Waxahatchee und White Hills

sheep_realMit Becky Hawley, Emily Lansley und Lucy Mercer aus Liverpool möchte man Schafe stehlen gehen. Okay, mieser Einstiegsgag zu einer Band namens Stealing Sheep, aber da sind wir ja schmerzfrei. Und die drei Damen klingen nun mal so charmant auf ihrem zweiten Album „Not Real“. Auf dem sie den richtigen Entschluss getroffen haben, sich von eher semi-spannendem Folk zu elektronischem und stark von den 80ern inspiriertem Pop zu wandeln. Mit verträumten Sounds und ein paar schrägen Spielereien zwischendurch. Wie gesagt, charmant und mit ein paar echten Hitkandidaten (wie dem Titelsong).

delago_silverWer über Manu Delago schreibt, muss über das Hang (ja genau, das Hang) schreiben. Denn jenes noch gar nicht so alte Schweizer Instrument aus zwei Halbkugelteilen weist ihn als seinen wohl bekanntesten Spieler aus, was zu einer gewissen Berühmtheit führte (vor allem, weil Björk voll darauf abfuhr und den Mann nebst Hang engagierte). Auf seinem neuen Album „Silver Kobalt“ zeigt Delago nicht nur seine Meisterschaft auf diesem Instrument (bzw. gleich mehreren Exemplaren), sondern auch, dass er auch weitere Klänge und viel Elektronik sowie diverse Gastvokalisten unter eine Klangschale bekommt.

noze_comeÜber das letzte Album von Nôze schrieben wir noch: „Wie Yello nach der Geiselnahme durch eine Zigeunerbande. “ Was gar nicht negativ gemeint war. Aber auf „Come With Us“ geben sich die beiden Franzosen nun trotzdem gereifter und ernsthafter. Dabei beeindrucken sie immer noch mit ihrer Stilvielfalt und schaffen es, eingängigen Electropop, Moroder-Sounds, Chansonelemente, Spaß und düstere Phasen zu einem kohärenten Ganzen zu bringen. Und wer ihre tanzbare Seite mehr mag, wird mit der Bonus-CD, die Remixe zu allen Stücken bietet, bestens bedient. Unser Favorit unter den Alben hier.

haynie_fallWenn es einen Preis für die beeindruckendste Gästeliste gäbe, wäre der für dieses Jahr vermutlich vergeben. An Emile Haynie und „We Fall“. An wen? Tjaha, das kommt davon, wenn man bislang „nur“ als Hitschreiber und -produzent tätig war. Soll sich nun aber ändern, deswegen hat der Mann aus Buffalo für sein Album über eine gescheiterte Liebe folgende Kräfte bemüht: Lana Del Rey, Lykke Li, Rufus Wainwright, Charlotte Gainsbourg, Andrew Wyatt (Miike Snow), Sampha, Randy Newman, Brian Wilson und viele mehr. Alle kamen ins berühmt-berüchtigte Hotel Chateau Marmont, Zimmer 39 – und heraus kommt eine prächtig arrangierte (wenn auch nicht immer durchschlagende) Hitsammlung.

passion_kindredApropos Hitsammlung. So etwas hatte vermutlich auch Michael Angelakos im Sinne, als er das dritte Album von Passion Pit anging. Denn für „Kindred“ konnte offensichtlich nichts zu zuckrig, zu poppig sein. Diese Quasi-Kinderlieder (um mal bei der eigenartigen Optik des Artworks zu bleiben) sollen so schnell wie möglich ins Ohr gehen und sich dort festkleben. Auf dem Weg dahin war jedes Klangmittel recht. Die Melodien werden mit Effekten – und leider ganz besonders gerne mit Autotune – bearbeitet, bis alles glänzt und glitzert. Was fraglos zu ein paar schönen Popsongs führt, die Stücke aber auch viel zu oft in die fürchterliche Kitschecke zu Owl City und Konsorten abgleiten lässt.

drenge_undertowWie kriegen wir jetzt die Ohren wieder frei? Am besten mit Drenge. Die Brüder Rory und Eoin Loveless aus der Mitte Englands lassen es auf „Undertow“, ihrem zweiten Album, so richtig krachen. Die Gitarre darf die Verstärker auf Elf anschlagen lassen, der Bass ist tief gestimmt und die Drums klöppeln den Nachbarn durch die Wand. Herrlich! Und da die beiden auch noch ein Händchen für gute Melodien haben, bleibt das nicht nur Rabatz, sondern auch in Erinnerung. Freunde von Musik zwischen Nirvana und Queens Of The Stone Age sollten hier zuschlagen, vielleicht hören sie eines der besten Rockalben des Jahres.

wax_ivyKatie Crutchfield alias Waxahatchee hatten wir schon mit ihrem letzten Album in dieser Rubrik zu Gast. Kräftig bearbeitete Gitarren, mit viel Grunge im Blut, dazu intensive Texte – all das gibt es auch wieder auf „Ivy Tripp“ zu hören. Aber das Soundbild ist offener geworden, und die Welt ist nicht mehr ausschließlich schlecht. Da schiebt sich auch mal ein orgelnder Synthesizer dazwischen oder gar eine fröhliche Popmelodie. Steht ihr gut. Aber keine Sorge, der Kern bleibt düster, kratzig und tief in den 90ern verwurzelt.

white_walksUnd nun noch Psychedelik-Rock? Haben wir hier nicht so oft. Aber Ego Sensation und Dave W., besser bekannt als White Hills, haben für ihren neuesten Ausflug „Walks For Motorists“ die Elektronik entdeckt, und da werden wir doch gleich hellhörig. Ein freier Zugang zum Studio in Wales – und der dort ansässige und u.a. schon für Caribou tätige Produzent David Wrench waren schuld. So ist es ein angenehm grooviger Trip geworden, der eine Menge Krautrock-Einflüsse aufweist und in seinen besten Momenten fast hypnotische Qualitäten entfalten kann.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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