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Manch einer bezeichnet das, was Miss Kittin mittlerweile so veröffentlicht, als gnadenlos retro. Für diese Leute hat die Französin auf ihrem neuen Album sowohl (gewollte) Bestätigung als auch Gegenbeweise im Angebot. Und für alle anderen ein prallvolles Doppelalbum.

Caroline Hervé müssen wir nicht mehr groß vorstellen, oder? Ende der 90er mit ihrem musikalischen Partner The Hacker mit ersten Hits auffällig geworden, unermüdlich in der ganzen Welt als DJ unterwegs und gefeiert und irgendwann dann auch als Solokünstlerin aktiv, zuerst mit dem ihren ursprünglichen Soundwelten noch sehr nahen „I Com“ (2004), dann mit dem starken, weil weiter entwickelten, songorientierteren, poppigeren „Batbox“ (2008). Techno, Electroclash und -pop, Basslastiges – das ist ihre Welt.

Mit ihrem dritten Soloalbum wagt sich das Kätzchen nun weiter hinaus aufs Dach. Ein echtes Doppelalbum, oh weh, wie oft ist das schon schiefgegangen? Doch das Konzept ergibt Sinn, wie man schnell feststellt, denn die beiden Hälften unterscheiden sich deutlich voneinander. Hervé hat erstmals fast vollständig auf Hilfe von außen verzichtet, lediglich bei drei der insgesamt 23 Stücke hatte sie Unterstützung.

Zur ersten Scheibe: Das ist zu einem großen Teil noch die Miss Kittin, wie wir sie kennen. Viele durchaus clubtaugliche Tracks (von denen sich eine Menge für Remixe empfehlen), die sich aber so gut wie immer der Aufgabe unterordnen, einen guten Song anzubieten. Dancefloortauglichkeit ist zwar oft noch gegeben, aber keine Pflicht, man kann auch mal locker die Beats weglassen, wie der – mit Gesaffelstein aufgenommene – Titelsong mit seinen wunderbaren Synthiesounds (die zum Teil durchaus an eine gewisse Band erinnern…) zeigt. Ansonsten drückt es aber vor allem im ersten Teil der Platte gut vorwärts: „Flash Forward“, „Come Into My House“, „Bassline“, „Life Is My Teacher“ – alles flotte Feger mit ordentlich Tempo.

Klar, vieles davon hat man so ähnlich schon von der Künstlerin gehört. Das macht die Stücke, die mittlerweile so gut wie durchgehend mit Hervés eigenwilligem Gesang verziert sind, aber nicht schlechter. Und man freut sich eben auch über den gehörigen Wave-Einschlag, der Songs wie „What To Wear“ (dazu erscheint am 24.06. eine EP mit Remixen und neuen Stücken) oder „Eleven“ (neben „Bassline“ die zweite Co-Produktion mit Pascal Gabriel) durchzieht. Nur die minimalistische Coverversion von R.E.M.’s „Everybody Hurts“ wird garantiert die Gemüter spalten.

Minimalistisch, damit sind wir bei CD 2: Hier wollte die Künstlerin Gefühlen, Raum und Soundstrukturen freien Lauf lassen und hat daher hier ihre Version von Ambient Techno aufgenommen. Mit „Only You“ und seinen Doctor-Who-Klängen ist man gleich mittendrin im Weltraum und kann sich, wenn man sich darauf einlässt, locker zu den fließenden Tracks entspannen.

Sicher, bei solchen Ambientsachen pluckert es zwischendurch auch mal etwas unspannend dahin, aber hier geht es ja eher um Atmosphäre, und die erschafft Hervé in angemessener Form. Da sie ihre Neigung zu eingängigen elektronischen Klängen wohl nie ganz abstellen kann, sind zudem mit „Mind Stretching“, der Kraftwerk-Anspielung „Sortie Des Artistes“ oder dem finalen Ohrenschmaus „I Don’t Know How To Move“ auch hier markante Stücke vorhanden.

Mit „Calling From The Stars“ hat Miss Kittin streckenweise mehr gewagt, als sie nötig gehabt hätte. Dafür verdient sie Respekt – und gut gelungen ist ihr das Ganze obendrein.

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P.S. Miss Kittin spielt beim Berlin Festival!
P.P.S. Und hier gibt es noch einen kostenlosen Remix von „Bassline“.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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