Erk Aicrag von Hocico auf der Hangar Stage. (Foto: Frank Güthoff / www.störbild.de)
Erk Aicrag von Hocico auf der Hangar Stage. (Foto: Frank Güthoff / www.störbild.de)

Wenn du auf ein Festival fährst und eigentlich für eine andere Redaktion Interviews, Standarbeit und Artikel schreiben erledigen sollst und dann deine Kollegin einen Tag vorher aufgrund von Krankheit absagen muss, bist du ziemlich an der Launekotzgrenze. Nicht, dass ich nicht gerne schreiben würde und das Line-Up nicht toll gewesen wäre, aber woher soll man in diesem Fall ( wenn man den ganzen Tag anderweitig am Wuseln ist) noch Zeit für einen kompletten Bericht nehmen?
Wie gut, dass es Freunde gibt, die dann zu Hilfe eilen. Neben Fotograf Frank Güthoff ( der euch eine riesige Galerie mitgebracht hat), haben sich noch Inki aus dem Camp Ozzy ( immer der Fahne nach!) und Akanoid-Schönling und Produzent Hilton Theissen dazu hinreissen lassen, ihre Eindrücke zu schildern. An dieser Stelle ein riesiges Danke an alle, denn ohne sie gäbe es wohl gar keinen oder einen stark reduzierten Bericht vom diesjährigen M’era Luna Festival.

Samstag

Mit Spannung erwartet wurde der Auftritt der Reutlinger Elektroformation Diorama, die nach drei Jahren Pause vor Kurzem endlich ihr neues Album angekündigt hatten. Dieses wird „Zero Soldier Army“ heißen und Mitte September erschienen. Man vermutete also, zumindest ein paar der neuen Songs das erste Mal live zu hören und wuurde nicht enttäuscht. Zum kraftvollen „Defcon“ enterte ein schmal gewordener Torben Wendt die Hangar‐Stage und ließ keinen Zweifel daran, dass man einiges von den neuen Nummern erwarten darf. Mit „Smolik“ und „Off“ gab es nicht nur neue Töne auf die Ohren sondern über die Videoleinwände auch Einblicke ins neue Artwork und neue Bandfotos, die wie gewohnt nachdenklich, düster, melancholisch wirken.

Mit „Erase Me“ gab’s zwischendurch dann auch wieder vertraute Töne, die mit Tanzen und Mitsingen seitens des Publikums honoriert wurde. Einen kurzen Emo‐Moment gabs dann auch noch, denn zwischen den „Dioramaniacs“ in den ersten Reihen befand sich auch Aushilfskeyboarder Helge Wiegand, der sich zwar derzeit um sein Soloprojekt kümmert, aber dennoch teilhaben sollte. Er wurde nach vorn zitiert und sang mit Torben wundervoll zweistimmig den ersten Teil von „Advance“, was von den anwesenden Damen mit Herzchenaugen und den Herren mit allen Daumen hoch bewertet wurde. Ab 09.09. werden sich Diorama „mit Freiheit, Musik und Gin“ und ihrer Zero Soldier Army im Rücken der Welt stellen. Man darf gespannt sein. (Inki)

Jürgen Engler und sein Trüppchen von Die Krupps waren an jenem Abend in Hochform. Gut gelaunt wie immer betrat der Wahl-Amerikaner die Bühne im Hangar und hatte das Publikum voll im Griff. Textsicherheit bis zur letzten Zeile war gegeben und direkt am Absperrgitter nur bekannte Gesichter. Neben dem üblichen Stahl-O-Fon-Spiel, einem zufriedenen Lächeln im Gesicht von Jürgen und einem extrem angeheizten und verschwitzten Publikum, gab es auch eine perfekte Arbeit des Lichttechnikers zu bewundern. Geht doch, wenn man will! (Josie Leopold)

Ziemlich voll wurde es am Samstagabend vor der Hauptbühne als VNV Nation zu einer Runde Futurepop einluden. Elektronische Klänge und ein gut gelaunter Ronan Harris, der durch Zwischenrufe immer wieder versuchte, das leicht verschlafene Publikum aus seinem Vor-Headliner-Schlaf zu erwecken. Irgenwie habe ich schon bessere Auftritte von VNV gesehen, mit mehr Gesang und weniger Gebrüll in den Strophen. Irgendwie war das Publikum auch schon mal aktiver, wenn die Band gespielt hat. Nunja, es mag an der Hitze gelegen haben und daran, dass sich wohl ein Großteil Sisters Of Mercy Fans bereits in den vorderen Reihen befand, dass sich eine nicht ganz ausgedehnte Feierstimmung breit machte. (Josie Leopold)

Mit freudigem Quietschen wartete ich auf Erk Aicrag und seinen Bandkollegen Racso von Hocico, die an jenem Abend den Hangar in Schutt und Asche legen sollten. Nachdem ich beim letzten Bandkontakt im Krankenhaus mit einer Gehirnerschütterung landete, weil mich im Pit jemand nieder rammte, blieb dieses Konzert folgenlos. Etwas entsetzt konnte ich am Rand des Hangapits einen sich in Gorillamanier auf die Brust hauenden Betrunkenen beobachten, der nicht nur mir Angst zu machen schien. Erk und Racso risen indes die Hütte ab und sorgten für eine ordentliche Portion musikalischer Wut. Muss man gesehen haben und darf man auf keinem Festival verpassen: Hocico sind live immer wieder ein Genuss! (Josie Leopold)

Nebel, Nebel, Nebel. So dürfte wohl die häufigste Umschreibung vom Auftritt der legendären Sisters of Mercy sein. Nicht nur auf dem diesjährigen Mera Luna zeigte die Band um Andrew Eldritch wieder zu was Nebelmaschinen taugen. Wenn man aber ein bisschen geduldig war sah man immer wieder mal Mr. Eldritch und seine 2? (Gerüchten nach wurde ein Keyboarder gesichtet) Mannen im vorderen Bereich der Bühne. Routiniert aber vielleicht etwas gelangweilt wirkend, mit Zigarette und Mikro in der Hand, gab er ein mittelprächtiges Konzert mit wenig Emotionen, aber 19 Stücken auf der Setlist. (Frank Güthoff)

Sonntag

Der diesjährige Geheimtipp des Festivals „Me The Tiger“ kommt aus Schweden und hatte die Ehre, am Sonntagmorgen die Hangar Stage zu eröffnen. Man sollte ja meinen nach zwei Abenden Party und dem 1. Festivaltag hält sich die Zahl der Zuschauer um 11:20 Uhr noch in Grenzen – aber nicht auf dem M’era Luna! Vor einem locker dreiviertel vollen Hangar zeigte sich die Dreierformation um Sängerin Gabriella auch direkt gut gelaunt und offensichtlich hochmotiviert, die Anwesenden von ihrem rockigen Elektrosound zu überzeugen. Mit Songs wie „what promises are worth“, „as we really are“ und „Ariana“ von ihrem Album „Vitriolic“ von 2015 sowie dem Debutalbum „Me the Tiger“ schafften die Schweden einen sehr soliden Start in die deutsche Festival-Landschafft. Obwohl die Texte noch eher unbekannt waren ließen sich viele zum klatschen, hüpfen, schunkeln, lächeln hinreissen und nach Ende des kurzen aber kraftvollen Auftritts befand sich sicher der ein oder andere Neu-Fan im Publikum. Ich denke von „Me the Tiger“ wird man in Zukunft noch öfter hören. (Inki)

Es ist 12.20, als sich vor dem etwa zu einem Viertel gefüllten und sonnengefluteten Main Stage die Aufmerksamkeit auf Agent Side Grinder richtet, die mit einem flächigen Intro, unterstützt durch einen „neubautenartigen“, und offenbar selbstgebauten Metallfeder Effekt, der am Rand der rechten Bühnenseite aufgebaut ist, starten. Die Besetzung um den charismatischen Frontmann Kristoffer Grip ist auf den ersten Blick mit 3 Synth Fraktionen und einem Bassisten aufgestellt, wobei Letzterer mit einem klassisch, mittig moduliertem Sound, wie zu besten Joy Division Zeiten aufwartet. Schnell merkt man, dass die Schweden ohne jegliche Playbacks arbeiten, und sich gänzlich auf sequenzerbasierte, analoge Sounds verlassen, was sie zudem exzellent beherrschen, und mit Retro Tape Effekten garnieren. Nach anfänglichen Feedback Problemen beim Gesang, erspielen sie sich zunehmend das Publikum mit hypnotischen Arpeggios, tanzbaren Beats und atmosphärischen Flächen, die gänzlich ohne Gitarren Sounds auskommen. Alles in Allem ein überzeugendes und intensives Set, dass Lust auf mehr macht. (Hilton Theissen)

15 Uhr, blauer Himmel, Sonne, das Bier schmeckt schon wieder. Zeit für die erste Party des Tages. Die letzte Instanz mit ihrer Mischung aus Folk & Rock, die sie selber gern als Brachialromantik bezeichnen, sind dazu genau die richtige Begleitung. Auch diese Formation hat ein neues Album dabei, welches erst ein paar Tage alt ist. „Liebe im Krieg“ heißt das Werk und wird an diesem Tag zumindest in Teilen vorgestellt.

„Wir sind eins“ gibt es als ersten Song zu hören und wird auch vom Publikum direkt wohlwollend angenommen, der er genau die vertrauten Klänge der Band wiederspiegelt. Die Party steigert sich bei „Blind“ und bei „Komm!““ wird im Publikum in wilden Kreisen gehüpft, gesungen und der Feuertanz getanzt was das Zeug hält. Partystimmung total, auch auf der Bühne wo Geiger Mutti’s Stolz und Benni Cellini am Cello – wie gewohnt frei von Schuhen und neuerdings auch frei von langen Dreadlocks – hüpften und moschten ebenfalls was das Zeug hielt.

Zu „Wir sind allein“ gab‘s nochmal ein bisschen weniger Brachial, dafür mehr Romantik. Begleitet von vielen winkenden Armen und dem Gesang des Publikums verließen die Dresdener Jungs gefühlt viel zu früh die Bühne, nicht ohne die Fortsetzung der Party für die Tour im Herbst anzukündigen.(Inki)

Am späteren Nachmittag wechselte das Publikum vor der Mainstage plötzlich von in schwarz gekleideten Elektroheads zu langhaarigen Elfen und Recken, man sah Felle, Blumen, Methörner denn es war offensichtlich Zeit, ins Reich der Mythen und Sagen abzutauchen. Musikalische Verantwortung hierfür haben in diesem Fall Faun, die seit Jahren mit ihrem Pagan-Folk von Helden, Fabelwesen und fernen Landen berichten.

Auch Faun haben mit „Midgard“ ihren neuesten Silberling grade erst auf den Markt gebracht, laut Aussage der Band eine musikalische Reise in den hohen Norden. Dennoch beginnt das Konzert erstmal mit vertrauten Flötenklängen des Klassikers „Wind und Geige“, welches das anwesende Volk direkt zum wippen, hüpfen und mitsingen ermuntert. Erstaunlich wie viele verschiedene Tanzstile das Dunkelvolk so zu bieten hat. Mit Songs wie „Alba“, „Rhiannon“ und „Wenn wir uns wiedersehen“ wurde die musikalische Geschichte der Band in einer knappen Stunde auf der Bühne wiedergegeben.

Sängerin Fiona strahlte mit der Sonne um die Wette, Stephan an der Drehleier zeigte, dass man auch dieses Instrument elektronisch verstärken kann und Sänger Olli präsentierte Instrumente, die laut eigener Aussage im Mittelalter dazu genutzt wurden um Menschen zu quälen aber heute als Kulturgut gelten. Zu Ende des Konzertes hatte es die Band auch geschafft das Publikum zu überzeugen, dass man Ruhe und Antworten in der Natur finden könne und die alten Götter, Geister und Fabelwesen stets um uns sind. Heile Welt am Sonntag Nachmittag. Schön. (Inki)

Schweeeeeeeedenalarm!!!! Wer seine gute Laune gesucht hat, hat sie bei S.P.O.C.K. definitive wieder gefunden. Mit ihren Liedern aus dem Weltraum erheitern Android und Co. jedes Mal wieder aufs Neue. Die Jungs sind einfach Kult und sahen in ihren weißen Outfits mit Glitzerapplikationen einfach hinreissend aus. Werbung für ihren neuen Instgram-Account wurde genauso gemacht wie über das DM-Konzert in Pasadena geflachst. Wer bei Android nicht mindestens einmal herzlich lachen muss und bei “Never Trust A Klingon” nicht einstimmt ist selbst Schuld und hat in diesem Fall den unterhaltsamsten Act des Festivals verpasst. (Josie Leopold)

Wer IAMX kennt, weiß, dass sie gern ein wenig auf sich warten lassen, und so nutzt ein Security seine Chance um deeskalativ den Pausenanimateur für das ungeduldig wartende Publikum zugeben, um sich gleich darauf vom Stage Manager einnorden zu lassen. Nebelschwaden kündigen mit einem kurzen Intro die Band an, und die „netzbekleideten“ Damen, die Chris Corner auf ihren Synth Podesten säumen, bringen die Stimmung direkt auf hohes Niveau, worauf „Kinder und Sterne küssen und verlieren sich…“ den Adrenalinspiegel des gut gefüllten Hangars anschwillen lässt.

Diffuses Dunkel umgibt Sänger und Majestro Chris, der ebenfalls in schwarzes Netz gekleidet und mit einem Federbouqet geschmückten Zylinder das Bühnenbild in Bewegung hält, und mit zwei Mikros bewaffnet immer wieder seine Vocal-Effektsektion zu sphärischer Pitch-und-Hallfahnen-Garnierung einsetzt. Der Drummer spielt gewohnt wuchtig, Klassiker wie “Spit it out” werden neu interpretiert, und die Stimmung sowie der Applaus sind frenetisch und lückenlos. Sogar Combichrist sehen sich das Konzert von der Seite an, vermutlich, um sich ein Live-Tutorial über die gekonnte Rekombination aus Elektro-Sound mit Live-Intrumenten und einem perfekt visualisierten Gesamtkonzept abzuholen.

Immer wieder weiß Chris mit seinem einfühlsamen bis hin zu wilden Melodien neue Höhepunkte zu setzen, bis das gefühlt zu kurze Set zu seinem Ende kommt. Darüber hinaus habe ich es noch nie erlebt, dass ein Sänger ein deutsches Publikum erfolgreich zu einem geshuffelten Klatschen zu „I am terrified“ animiert hat. Nach einer heftig eingeforderten Zugabe ist der Gipfel des Abends und das Ende eines vielseitigen und bewegten Konzerttages im Hangar erreicht. Ein fantastisches Finale!

Die Freude auf Zeromancer sprudelte im Vorfeld schon aus vielen raus, denn die norwegische Band um Alex Møklebust und Kim Ljung ist nicht gerade bekannt für die Häufigkeit ihrer Auftritte. So brodelte auch der gesamte Hangar bis zum sehnsüchtig erwarteten Auftritt der Norweger. Mit viel Nebel und nicht gerade optimalem Sound lieferte Zeromancer aber eine energiegeladenen Show, mit einem Querschnitt ihrer musikalischen Laufbahn von 2000 bis Heute, ab die sicher in Erinnerung bleibt. Ich hoffe sehr das man Zeromancer hier mal wieder häufiger sieht. (Frank Güthoff)

Die wundervolle Galerie wurde von Frank erstellt, dem ihr auf Facebook gern einen Daumen nach oben geben könnt.
Wie immer der Hinweis, dass es uns auch als Wonderful Electric zum Lesen, Liken und lieb haben auf Facebook gibt.

Letzte Aktualisierung: 30.8.2016 (c) depechemode.de

 Josie Leopold
Ich bin die kleine Schnatterschnute vom Dienst: bunt, glitzernd, voller verrückter Ideen. Wenn ich nicht gerade Interviews führe, Beiträge verfasse oder versuche Wordpress davon zu überzeugen doch bitte nett mit mir zu sein, versuche ich die Welt ein bisschen besser und bunter zu machen.

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