Das elfte M’era Luna Festival ist passé! Drei Tage, 24000 Besuche, 40 Bands, eine exklusive Modenschau, ein Mittelalterdorf und eine übersichtlichere Einkaufsmeile haben das Festival der ’schwarzen Gewänder‘ erneut zu einem Erfolg werden lassen. Einen Erfolg mit Schatten- und Sonnenseiten, bei dem die Headliner klar im Vordergrund standen und die schwächeren Momente des Festivals gekonnt überspielten.

Warm und sonnig war es am Samstag. Beste Voraussetzungen also, um eines der größten Festivals der ’schwarzen Szene‘ mit einem deutlich rockorientierten Line-Up zu beginnen. Freunde der elektronischen Musik bekamen insbesondere an diesem Tag deutlich weniger Klangerzeugnisse aus Synthesizern und Drummaschienen geboten als in den vergangenen Jahren.
Ganze drei Bands. Verteilt auf zwei Bühnen und zu allem Überfluss auch noch gespickt mit einer nicht nachzuvollziehenden Überschneidung.
Während Das Ich ab 17:40 Uhr im Schatten von Laibach eine gut besuchte und vor allem solide Show vor dem komplett gefüllten Hangar ablieferten, konnten Rotersand kurz darauf nur bedingt überzeugen, leider. Im übervollen Hangar spielte die Band zwar ihre größten Hits routiniert runter und lieferte mit den ineinander gemixten Tracks einen potenten und frischen Sound ab, doch fielen die Texte der ersten fünf Songs den ewigen Anfeuerungsrufen von Frontmann Rascal zum Opfer. Schade, denn wer Rotersand bereits live erlebt hat kann nachvollziehen, dass da durchaus mehr drin gewesen wäre.

Parallel betraten gegen 19:30 Uhr dann die drei EBM Heroen von Nitzer Ebb die Main Stage. Super Songauswahl. Grandiose Show. Nitzer Ebb überzeugten auf ganzer Linie. Doch wieso zum Teufel haben die Verantwortlichen zwei der drei elektronischen Bands dieses Tages parallel spielen lassen? Wieso nicht nacheinander, so dass sich das Publikum beide Bands in voller Länge hätte gönnen können? Auch wirkte die Platzierung von Nitzer Ebb als „Vorband“ für die ‚RTL 2 Glamour-Gothics‘ von Unheilig nicht sonderlich glücklich. Denn statt feiernden Massen, wie es bei der M’era Lune Runionen Show 2006 der Fall war, gab es dieses Mal lediglich einen harten Kern von Fans direkt vor der Bühne. Das restliche Publikum wirkte hingegen recht uninteressiert und gelangweilt.

Bei The Sisters Of Mercy, dem Headliner des Tages, mögen sich womöglich die musikalischen Geister scheiden, ob diese Position im Line-Up gerechtfertigt war oder nicht. Fakt ist jedoch, dass die Band eine gelungene ‚musikalische‘ Show mit vielen Klassikern bot. Visuell stand der Besucher dabei jedoch überwiegend vor einer Nebelwand, in der hin und wieder schemenhafte Umrisse der einzelnen Bandmitglieder aufblitzten. Entsprechend spärlich fiel auch die Interaktion zwischen Band und Publikum aus.

Da das Line-Up am Samstag durchaus viel Zeit zum Flanieren bot, konnte man sich vor Ort einen fundierten Überblick über das gesamte Drumherum machen.
Dabei fielen die vielen, auf dem Festivalgelände verteilten und vor allem überdachten Sitzgelegenheiten besonders positiv auf. Entsprechend stark waren diese auch frequentiert.
Hier haben die Macher Weitsicht bewiesen und den Wohlfühlfaktor ein Stück weit nach oben geschoben.
Die etwas ausgedünnte Einkaufsmeile bot auch in diesem Jahr wieder alles, was das schwarze Herz begehrte. CDs, DVDs, Goodies, Klamotten, Skurriles und durchaus individuelle Schmuckwaren.
Kulinarisch vielfältig war auch das Angebot an Essen. Von mittelalterlichen Speisen, über Burger, Pizza, Bratwurst bis hin zu asiatischen Spezialitäten gab es wirklich alles, was der knurrende Magen begehrte.
Vermutlich resultierend aus dem verheerenden Unglück bei der Loveparade dieses Jahr, wurde erstmalig in der Geschichte des Festivals ein kontrollierter Einlass in den Hangar gewährleistet, was zeitweise durchaus für lange Schlangen (und auch Gesichter) sorgen sollte.

Was an elektronischen Bands am Samstag fehlte, wurde zumindest teilweise am Sonntag kompensiert. Dass dem Besucher dabei einige bisher völlig unbekannte Bands geboten wurden, machte die Sache zumindest im Vorfeld interessant. Doch wer sich z.B. am frühen Mittag Ambassador 21 oder etwas später dem Anne Clark Abklatsch Celine And Nite Wreckage aussetze, wurde ziemlich enttäuscht. Uninspirierter Aggrotech aus den USA auf der einen und eine nicht wirklich überzeugende Sängerin auf der anderen Seite, ließen einen Großteil der Besucher bereits nach wenigen Minuten wieder den Hangar verlassen.
Dass es durchaus auch anders ging, bewies kurz vor 13 Uhr das schwedische Duo Colony 5, die vor einer für diese Uhrzeit sehr sehr gut gefüllten Halle ihr Set abrissen.
Gespickt mit aktuellen Tracks und Klassikern sowie einem neuen Song, hatten die Jungs das Publikum vom ersten bis zum letzten Takt fest im Griff. Da sei ihnen auch der eine oder andere Verspieler verziehen – that’s live!
Wer den Hangar zwischenzeitlich verließ um sich auf der Hauptbühne Zeraphine und/ oder Saltatio Mortis zu gönnen, dem sollte pünktlich zum Auftritt von Agonoize das Schicksal eines übervollen Hangars ereilen, einhergehend mit einem kompletten Einlassstopp, so dass viele Fans vor der Halle enttäuscht abzogen.

Um 17:45 Uhr wartete dann eines der großen Highlights des Festivals auf der Hauptbühne: Editors. Mit ihrem Pop-Rock verzückten die sympathischen Briten das Publikum von Anfang an und spielten einen ausgewogenen Querschnitt ihrer bisherigen Songs, der am Ende mit dem grandiosen ‚Papillon‚ seinen gefeierten Höhepunkt fand. Die Bühnenpräsenz der Band sowie der vergleichsweise individuelle Sound katapultierte die Editors nicht nur qualitativ an den ersten Platz der bisher gesehenen Bands.

Im Hangar spielten zwischenzeitlich Feindflug und im Anschluss Skinny Puppy ihre Sets runter, bevor Mr. LaPlegua mit seinen Mannen die Bühne unter tosenden Applaus enterte. Combichrist spielten ihre für dieses Jahr letzte Show auf dem europäischen Boden und haben dabei wieder einen wahren Rauschzustand bei den Fans verursacht. Großartig, phänomenal und extrem schweißtreibend war die Show nicht nur für die Band. Unter den hämmernden Beats von „Get You Body Beat„, „What the f*ck is wrong with you„, „Electrohead“ oder „F*ck That Shit“ verschmolz die tosende Masse in ein einziges großes, tanzendes Ganzes. Grossartig, grandios! Combichrist haben mit dieser Show ein Mal mehr eindrucksvoll klar gemacht, wer eigentlich der König des TBM ist.

Auf der Hauptbühne spielten wenig später (und einmal mehr parallel) Placebo. Mit „Wir kommen in Frieden, M’era Luna“ , begrüßte der quirlige Brian Molko die tosenden Massen. Es folgte ein 75minütiges Set voller Hits, das zugleich den Schlusspunkt unter dem diesjährigen M’era Luna Festival markierte.

Auch wenn eine Vielzahl an Dingen, die in der Vergangenheit durchaus gewünscht waren (z.B. Sitzplätze, ausgefallenes Rahmenprogramm etc.) umgesetzt wurde, blieben aber auch einige Dinge, die suboptimal organisiert waren.
Vielleicht schaffen es die Verantwortlichen ja beim nächsten M’era Luna die Überschneidungen zumindest etwas zu minimieren und solch ärgerlichen Fauxpas wie am Samstag bei Rotersand und Nitzer Ebb gänzlich zu vermeiden. Wünschenswert wäre dabei auch, den einen oder anderen Vertreter des Synthie- und/oder Electropop auf die Bühne zu holen, um diesen festen Bestandteil der ‚dunklen Musikkultur‘ entsprechend zu würdigen. Denn aus diesem Bereich gab es in diesem Jahr rein gar nix zu sehen und hören. Schade!

In der Summe war das diesjährige M’era Luna eine durchaus gelungene & friedliche Veranstaltung, die ihre Schatten- wie Sonnenseiten hatte. Für das kommende Festival, das am 13. & 14.08.2011 wieder wie gewohnt in Hildesheim-Drispenstedt stattfinden wird, wurde als erster Headliner übrigens schon ASP bestätigt.
Bleibt abzuwarten, welche Bands/ Künstler da noch kommen mögen…

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal!

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Kommentare

  1. Stefam
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    16.8.2010 - 11:50 Uhr

    Ok!

    Ich war auch mal wieder dort. Fand das LineUp auch nicht wirklich berauschend was aber für mich nicht allzu wichtig war. Der erste Schock an der Tageskasse 90€??? Warum das denn? War ja noch nie teurer an der TK oder? Der Samstag war schön was zum ausruhen ohne wirkliche Highlights. Hab auch nicht alles komplett gesehen. Das übliche Ding mit der Überschneidung. Das Hangar-Problem war angesichts der Loveparade wohl diesmal noch krasser so das Einlassstop herrschte. Für die die drin waren eine gute Sache. Sonntag gings für Elektro´s schon eher ab. Colony, Amduscia, Agonoize und nicht zuletzt Combichrist. Bei CC – auch mein persönliches Highlight – brannte die Luft und die Masse tobte. Das war echt super.
    Nächstes Jahr muss dennoch mal wieder ein besseres LineUp her. Ich sag nur Amphi-Festival. War ich zwar nich, aber das LineUp dort war viel besser.
    Egal, die Musik stand eh nicht im Vordergrund sondern das Fest mit Freunden zu geniessen.
    In diesem Sinne – bis zum nächsten Jahr.

  2. Micha
    1
    16.8.2010 - 9:53 Uhr

    mehr Schatten wie Sonne,
    Ich war wie jedes Jahr auf dem Mera Luna Festival. Das Line-Up war mit abstand das schlechteste was ich bisher in Hildesheim erleben durfte und doch hat es Scorpio mit ihren Rekordzahlen geschlagen. Für mich war es ein Campingurlaub in der so geschönten Atmosphäre. Es bleibt zu wünschen, daß die bzw der Veranstalter die Zuschauerzahlen nicht für verständlich sieht und das Line up wie zb beim diesjärigen Amphi Festival aufwertet. Sonst wäre es möglich dass ich mir ein neues Gothic Festival suche, wie zb das neue Dungeon Open AIr in Norddeutschland.

    Gruß
    Micha