Meltbericht 07 Teil 2: Die Melt!-Verschwörung – Samstag

Ach, es ist ein Kreuz mit diesem Zeltplatzleben! Das Wetter stört dabei irgendwie immer. Hier: Morgens um Sieben knallt bereits ordentlich die Sonne drauf, spätestens gegen Acht muss man aufstehen. Aber natürlich beschweren wir uns nicht. Besser so als anderswo.

Der Vorteil des Früherwachens sind die zu dieser Zeit noch sehr leeren Duschgelegenheiten. Fließend Warmwasser, prima. Anschließend Frühstück – Bier und Korn. Nein, so arg treiben wir es doch nicht mehr. Also gibt es Tütenkaffee, Dosenwurst, Nudossi und so weiter. Anschließend versucht man, die spärlichen Schattenflecken zwischen den Zelten und unter dem Sonnenschirm zu finden bzw. mit ihnen zu wandern. Bei zunehmender Hitze wird vor sich hin gedöst oder gelesen (deutsche Musikzeitschriften, englische Kinobibeln oder sogar richtige Bücher).

Irgendwann dann doch das erste Bier. Die Sache mit dem Eimer Wasser, in den unter ständigem Rühren große Mengen an Salz gekippt werden, auf dass es kühlendes Eiswasser werde, erweist sich als Mythos. Sollte das doch funktionieren: Zuschriften mit Anleitung bitte! So schmeckt das leckere John Smith aus der Dose höchst lauwarm (ein weiterer irreführender Mythos ist, by the way, dass in England das Bier immer lauwarm serviert wird) und hat nun auch noch einen Salzrand. Aber so bekommen die inneren Organe eine gute Durchspülung, für unsere Gesundheit ist uns nichts zu schade.

Des Nachmittags geht es dann wieder erwartungsfroh Richtung Festivalgelände. Das Shuttle-Bus-System (Lob an die Orga: Die Busse fahren oft und zuverlässig, die Busfahrer sind angenehm entspannt. Leider fährt am Sonntagvormittag dann gar nichts mehr, was Abreisende ohne Sackkarre nicht gefreut haben dürfte.) wird ausgetestet: Tolle Sauna auf Rädern! Sieht von außen auch lustig aus, so ein Gefährt, in dem Nebel herrscht und sich überall Hände an die Scheiben pressen.

Auf der Hauptbühne eröffnet heute Hardcore-Legende Walter Schreifels. Hören wir nur ein wenig, klingt aber nett. Erst einmal muss jedoch ein Cornetto vernascht werden – Gehirnvereisung! (Der hier ging an die Filmfans, wer es löst, bekommt eine liebevoll geleerte Cornetto-Verpackung zugeschickt.)

Jetzt aber ernsthaft mehr Musik! Die Shout Out Louds aus Schweden haben ein schönes zweites Album aufgenommen und wenn ich nicht schon zu viel von Eis geschrieben hätte, schriebe ich jetzt: So klingt der Sommer. Wundervoll sonnige Popklänge zum langsam sinkenden Feuerball, Sänger Adam Olenius klingt tatsächlich wie der junge Robert Smith und „Tonight I Have To Leave It“ ist ein zauberhafter Hit.

Wir bleiben vor der Hauptbühne. Jetzt wieder zackiger Rockpop aus England. The Rifles haben 2006 mit „No Love Lost“ ein Album abgeliefert, dass sich bei vielen vom Geheimtipp zum Favoriten entwickelt hat. The Jam meets The Clash, klar das sind große Namen. Aber diese enorm mitreißende Mischung hält das aus. Und nun zeigt sich, dass die zahlreichen Ohrwürmer („She’s Got Standards“, „One Night Stand“, „Peace & Quiet“ seien da nur exemplarisch genannt), gespielt von einer sehr sympathischen jungen Band, live noch mehr Leidenschaft versprühen. Großer Auftritt!

Auf Bühne Zwo spielen mittlerweile Stereo Total ihre charmante Mischung aus billigen Sounds, chansonesken Momenten und sprachwitzigem frankogermanischem Pop. Mademoiselle Cactus klopft den gleichen Rhythmus durch alle Songs, aber so kennt man das.

Doch zurück zur großen Bühne. Das Festival-Highlight steht an. Im letzten Jahr tanzrockten sie die Gemini Stage in Grund und Boden und landeten mit ihrem Album „The Warning“ v.a. in England (aber nicht nur da) in vielen Jahresbestenlisten ganz vorn. Hot Chip. Fünf Vollblutmusiker, die aussehen wie Dein Lieblings-Schul-Nerd. Die vorher noch persönlich lange und ausgiebig auf der Bühne ihr Equipment zurechtschrauben. Diverse Keyboards, alle im Vordergrund und nebeneinander aufgebaut. Dazu eine Auswahl an Percussiongerätschaften und eine Gitarre. Mehrere Positionswechsel während des Sets inklusive. Ja, hier kann man wirklich Set sagen, denn die Stücke sind oft raffiniert ineinander gemischt und man hat jederzeit den Eindruck, dass das meiste der Sounds davon wirklich live fabriziert wird. Was für Sounds das sind! Auf ihrer MySpace-Seite beschreiben sie ihre Musik als „Pop/2Step/Soul“, was irgendwo vielleicht stimmt und es doch nicht annähernd beschreibt. Das hier ist außerdem Disco, Rock und Sonstnochwas. Sich selbst bezeichnen Hot Chip als „loathsome but awesome“, was natürlich Understatement und Zeugnis eigenwilligen Humors zugleich ist, der sich zwischen den Bandmitgliedern auch immer wieder auf der Bühne zeigt. In jedem Falle heizen sie der reichlich versammelten Menge ein, dass es eine schweißtreibende Freude ist. Gleich als Zweites gibt es einen der Hits, „And I Was A Boy From School“. Selbstverständlich neu gemixt. Und „Just Like We Breakdown“. Und „No Fit State“. Fantastische Energie. Wir lernen außerdem, wie man ein Keyboard mittels eines Keyboards spielen kann. Auch neues Material wird vorgestellt, „Shake A Fist“ z.B. macht den Mund schon einmal wässrig hinsichtlich des für Februar 2008 geplanten nächsten Albums (außerdem erscheinen demnächst noch zwei exklusive Remixe von Kraftwerksongs!). Schließlich gibt es noch den ganz großen Kracher, „Over And Over“. Wir sind nass und glücklich.

Dagegen können die Belgier von Goose auf der zweiten Bühne im Anschluss kaum an. Sie machen ihre Sache trotzdem gut. Dieser simple, aber effektive Tanzrock fordert mehr Beine als Hirn, ist eben so was wie Electro-AC/DC. Live geht das mörderisch ab. Auf dem nächsten Album hoffen wir trotzdem noch auf etwas mehr Substanz in der zweiten Halbzeit.

Kurze Stärkung mit knusprigem Biofleisch. Der neu ins Gelände integrierte Biergarten bietet erfreulich ruhige Sitzgelegenheiten. Hier aber noch ein einziges Mal leichte Kritik: Dass rundherum kaum Mülleimer stehen und der sich daher auf den Bierzeltgarnituren stapelnde Müll nicht einmal abgeräumt wird, führt in dieser Ecke zu einem unschönen Anblick.

Im Hintergrund ertönen von der Gemini Stage Mouse On Mars. Wie man sie kennt, gibt es ausgefeilte Elektronik, weitab vom Massengeschmack. Ihre etwas poppigere und auf Konserve jedenfalls gelungene Kollaboration als Von Südenfed mit The Fall-Chefnörgler Mark E. Smith sollte auch auftreten, aber der alte Griesgram hat kurzfristig Schlechteres zu tun gehabt. Schade.

Einen vitaminreichen Saftmix später teilen wir uns auf, um jeweils danach von tollen Auftritten zu berichten. Auf der Big Wheel Stage lassen Booka Shade keine Hose trocken und ziehen dem sonnenbebrillten Technohead eine mächtige Beatkeule über. Von vorne bis hinten fett. Kann man nur empfehlen.

Im Zelt hingegen something completely different und ebenfalls stark: Polarkreis 18 aus Dresden. Dass von da auch noch anspruchsvolle und gute Musik jenseits diverser mittelprächtiger Synthiepopcombos kommen würde, überraschte bereits auf ihrem Debütalbum. Es gab gar Vergleiche mit Namen wie Sigur Ros (Fantasiegesang, rätselhafte Melodien und Klänge) oder Radiohead (v.a. bezüglich des Falsettgesangs von Felix Räuber). Live ist das etwas rockiger angelegt. Man staunt, wie exzellent die hohen Töne getroffen werden, da besteht niemals Gefahr für Trommelfell oder Weinglas. „Dreamdancer“ trifft es ziemlich genau, das ist sehr emotionale, wunderschöne Traummusik.

Auf den Dänen Anders Trentemøller haben sich viele ganz besonders gefreut. Bekannt geworden als erstklassiger und gefragter Remixer, hat er im letzten Jahr mit „The Last Resort“ ein hervorragendes Album aufgenommen, dass viel weniger Techno war als erwartet und viel mehr atmosphärische Feinelektronik. Jetzt tritt er auch noch mit einer richtigen Band auf. Das verheißt viel und die Erwartungen werden voll erfüllt. Ein so ungemein fließendes und dichtes Set hat man selten gehört. Im Hintergrund laufen perfekt auf die Stücke abgestimmte Videos auf der Leinwand, vorn dreht und drückt der Däne an seinem riesigen Gerätefuhrpark herum und die Band unterstützt ohne zu stören. Stücke wie „Take Me Into Your Skin“ oder „Miss You“ bauen gemächlich Spannung auf, erst gegen Ende kommen die großen Knaller mit „Moan“ und „Always Something Better“. Das Tempo wird langsam angezogen, am Schluss gibt er richtig Gas. Ausgezeichnet.

Hinten am Bagger kommt Legende Michael Mayer zum Abschluss. Auch das klingt wirklich überzeugend, man muss ihn fast gewaltsam von der Bühne ziehen. Es folgen Digitalism, deren housiger Rave oder raviger House auf dem Album „Idealism“ sehr überzeugen konnte. Live braucht das etwas Anlauf, bis der Sound vernünftig eingepegelt ist. Wessen Ohren dann noch intakt sind, der bekommt ordentlich was drauf. Viel Futter für den Tanzflur.

Doch es wartet das Live-Debüt von Unkle, dem auf Platte immer mit jeder Menge Gaststars (aktuell: Josh Homme, Ian Astbury, 3D u.a.) gespickten Projekt von James Lavalle. Es soll wochenlang geprobt worden sein. Leider hat der Mischer der Gemini Stage zum zweiten Mal an diesem Wochenende seinen Job nicht ordentlich erledigt. Der Sound ist zwar recht klar, aber so unglaublich massiv und laut, dass es direkt vor der Bühne nur die ganz Harten und Tauben aushalten. Dazu ist die Beleuchtung eher mäßig, so dass man schwer erkennen kann, wer heute wirklich singt. Dafür sind die Songs selbst absolut überzeugend und die Hintergrundvideos sehenswert.

Meltbericht 07

Ein letztes Mal zum Bagger. Wir Vier sind übrigens nur noch zu Zweit, nur die Sonntagsdurchhalterin begleitet den Berichterstatter bis zum Ende. Über dem See gibt es ein kurzes, aber hübsches Jubiläumsfeuerwerk. Fein.

Simian Mobile Disco lassen sich in ähnliche Bereiche wie Digitalism einordnen. Hier ist das Album als Album etwas schwächer, hat dafür aber mit „It’s The Beat“ und „I Believe“ die vielleicht größeren Hits. Und die kommen auch live in diesem sehr auf die Zwölf zielenden Set bestens.

Nochmal hinüber ins Zelt gehetzt. Leider, leider ließen sich Shitdisco beim besten Willen nicht schaffen, schade um den sicher spannenden Auftritt der erstklassigen New-Rave-Electro-Hitmaschinen. Aber die australischen The Presets bekommen wir noch ein wenig mit. Und die beiden liefern an Schlagzeug+Keyboard oder auch Keyboard+Keyboard ein stark tanzbares Synthie-80s-Pop-Gitarrenlos-Rock-Set ab. Hits wie „Are you the one?“ überzeugen also auch live.

Jetzt noch einen Café Latté vom Italiener. Plus Donut (mmh, karamelgefüllt). Energie aufgefüllt, rüber zum großen Finale mit Deichkind. Wieso spielt denn Jan Delay immer noch? Oha, die Hauptbühne ist arg in Verzug geraten (Dort waren wir seit Stunden nicht, höchstens auf Stippvisite. Tocotronic sind interessant, aber live not our cup of tea, Kelis reicht nur zum Anstarren und für 2-3 Hits.). Herr Delay hat zwar eine professionelle und funkige Band und auch ein paar Hits, aber seine Zwischenansagen sind streckenweise an, äh, Schlichtheit und Nervfaktor kaum zu überbieten.

Es wird 4:25 Uhr, als es endlich losgeht, nein noch nicht ganz mit Deichkind. Zunächst entern drei seltsame, in schwarze Mäntel gewandete Gestalten die Bühne. Sie werden als Fraktus und die Erfinder des Techno vorgestellt. Es gibt den Song „Affe, sucht, Liebe“, irgendwo zwischen DAF, Leibach und Trio in noch deutlich billiger. Die Auflösung: Hier wird ein Film gedreht. „Tonight Fraktus“, Kino 2008, mit Rocko Schamoni, Heinz Strunk (beide heute auf der Bühne, verkleidet) und Christian Ulmen. Später gibt es noch einen Song, bei dem das Publikum laut Drehbuch ordentlich buhen und bierbecherwerfen darf. Wird erledigt.

Aber dann doch die Live-Legende Deichkind. Im letzten Jahr wurde am Schluss die Bühne vom Publikum gestürmt, kompletter Irrsinn. Heute „nur“ normaler Wahnsinn. Es gibt Hüpfburgen, Trampoline, verkleidete Müllsäcke, Hometrainer, Bürostühle, eine raketenartiges Biermonster oder so ähnlich, Hüpfburgen und Trampoline unterwegs im Publikum. Und mehr. Dazu kann man einfach nur sagen: „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“. Herrlich.

Meltbericht 07

Als Rausschmeißer um 6 Uhr morgens laden die Deichkinder tatsächlich noch die Eurotrash-Legende Snap! auf die Bühne! „Rhythm Is A Dancer“ wird gemeinsam bestritten, „Eternity“, „Oops Up“ und Konsorten bestreiten Snap! alleine und zunehmend als schräger Rausschmeißer fürs erledigte Publikum. Grinsend kehren wir der Bühne den Rücken und schleppen uns unter der aufgehenden, nein, aufgegangenen Sonne zum Zelt.

Abspann

Eine Dreiviertelstunde Schlaf, dann prügelt uns die Hitze aus den Federn. Zusichkommen, Frühstücken, Sachenpacken, Abreisen.

Fazit: Tolles Jubiläumsfestival (16.000 Besucher sollen es übrigens gewesen sein, im Prinzip so gut wie ausverkauft), nach wie vor richtungsweisend in der harmonsichen Verschmelzung verschiedenster Stile. Wir kommen selbstverständlich wieder (oder: „Teil 3 – Das Melt!-Ultimatum“).

Abschließend noch die jeweiligen Top-3-Acts:
Salzbiermitbringerin: 1. Hot Chip, 2. Jamie T., 3. The Rifles
Sonntagsdurchhalterin: 1. Hot Chip, 2. Polarkreis 18, 3. The Dance Inc.
Letztetaschenerwischer: 1. Hot Chip, 2. The Dance Inc., 3. Booka Shade
Berichterstatter: 1. Hot Chip, 2. Trentemøller, 3. The Rifles.

(Addison)

www.meltfestival.de

Fotos: Niels Wiere, Geert Schäfer

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

Zur Startseite

Der Kommentarbereich ist zurzeit geschlossen.