Bevor jetzt überall die Korken knallen und das Jahr 2010 seine verdiente Ruhe findet, wollen wir uns noch die Zeit nehmen, ausführlich auf das schönste aller Festivals zurückzuschauen. Schließlich ist nach dem Festival vor dem Festival – und damit wollen wir gleich eine ausdrückliche Empfehlung für das Melt! 2011 aussprechen.

Freitag

Melt!, Ausgabe 13. Kein Aberglaube, nur Vorfreude. Ankunft Ferropolis. Die Bagger sehen auch beim wiederholten Besuch beeindruckend aus. Wir schleichen gleich mal an der Hauptbühne vorbei. Bloß keine schnellen Bewegungen, an diesem Tag glüht die Sonne dermaßen, die Hitzewelle meint es mit knapp 40 Grad echt etwas zu gut. Nach hinten, zur beliebten Big Wheel Stage, wo die besten DJ-Sets laufen und immer wieder von Gästen berichtet wird, die hier drei Tage durchtanzen, ohne Pausen zu machen (welche Pillen dafür eingeworfen werden müssen, lassen wir mal außen vor). Dort legt gerade Oliver Koletzki sein Großstadtmärchen auf, so dass man sich sehr entspannt eingrooven kann.

Im Anschluss steht Hendrik Weber aka Pantha Du Prince auf der Bühne unter dem großen Bagger. Sein diesjähriges Album „Black Noise“ war und ist ein Erlebnis. Kühler und doch herzlicher Glöckchentechno aus dem Hochgebirge. Live kommt das mit dem satten Sound, der hier herrscht, ausgezeichnet herüber, man kann sich richtig in die Musik betten. Doch keine Zeit, wir müssen auf die Hauptbühne schauen. Dort gibt es gerade den feinen Schwedenpop der Shout Out Louds, und der macht einfach immer Spaß.

Danach folgen Tocotronic, Zeit, zu Bühne Nr. Zwo zu wechseln, denn hier folgt eine jener Bands, die mit ihren Debüts dieses Jahr bereichert haben. Die Nordiren vom Two Door Cinema Club nämlich, deren „Tourist History“ genau die Mischung aus Gitarren und Elektronik innehat, die die Melt!-Mischung ausmachen. Live lässt sich feststellen, dass das alles sogar noch eine Spur mitreißender dargeboten wird. Die Menge tanzt, was sie auch anschließend zu den musikalisch durchaus ähnlich gelagerten Delphic tut. Dort werden die Songs gleich in eine Art Set gemixt, so dass unnötige Applauspausen vermieden werden.

Zwischendurch jedoch ein kleiner Abstecher zur Desperados Beach. Die im Hintergrund gelegene Bühne reizt mit perfekter Strandlage, so langsam beruhigt ja auch das Abendlüftchen die erhitzten Gemüter. Dazu liefert Jamie von The XX mit seinem Soloset lässigen Dubstep. Fein. Mit einem kubanischen Cocktail in der Hand geht es zurück nach vorn, wo die Groove Armada ihrem Namen alle Ehre macht und einen ziemlich poppigen Auftritt hinlegt. Den Yeasayer im Intro Zelt verpassen wir leider, da The XX nun die Hauptbühne beehren und mit ihrem vorjährigen Meisterwerk die Stimmung bewusst ins Besinnliche herunterkühlen. Bei den melancholischen Songs der Briten herrscht Atmosphäre pur. Danach kann man jedoch wieder in den Feiermodus schalten, denn Bloc-Party-Frontmann Kele ist solo auf Tour und hat fiese Dance-Sounds im Gepäck. Unter ständiger Animation bringt er die Gemini Stage zum Hüpfen. Während die Foals anschließend auf der Hauptbühne eher die Midtempo-Schiene fahren, mit ihrem intelligent verfrickelten Rock aber auch absolut überzeugen können.

Puh, Pause. Endlich mal was essen, gibt ja genug leckere Happen hier. Das Catering gehört wieder einmal zum Besten, was Festivals so bieten können. Leider kann man das von der Getränkeversorgung nicht berichten. Da können nur die Stände mit den ausgefalleneren Hochprozentigen punkten. Ansonsten gibt es leider nur die Königin unter der Plörre, Bierfreunde werden so fast zu Antialkoholikern (aber vielleicht war das ja der Plan?). Dazu überteuertes und aufgrund der Hitze auch noch streckenweise bereits frühzeitig nicht mehr vorhandenes H2O, hier ist Besserung für 2011 anzuraten (ebenso übrigens bei der Müllpfandrückgabe, die am Sonntag überhaupt nicht funktioniert). Aber, wie gesagt, das Essen ist lecker.

Aufgrund einer ordentlichen Wartezeit (da wir Auswärtsübernachtende unseren Shuttlebus stundenlang verpassen und der Informationsfluss zwischen Busshuttle und Ordnern/Security schlicht nicht existent ist) bekommen wir noch den späten Auftritt von Booka Shade mit, die mit ihrem verträumten Elektro auch die Leute vor der Hauptbühne im Griff haben. Danach ist aber Schluss für heute. Ab ins Bett!

Samstag

Ja, geduscht und ausgeruht zum zweiten Festivaltag, das hat schon was. Völlig entspannt schlendert man nachmittags aufs Gelände, nickt ein bisschen mit bei Songwriter Philipp Poisel und schaut dann gespannt auf Holy Ghost. Die New Yorker haben noch nicht viel veröffentlicht (Remixe, eine EP), aber man will definitiv mehr. Der Auftritt bestärkt diesen Wunsch. Elektronisches, Tanzbares mit einer ordentlichen Prise 70s-Funk.

Und dann Hurts. Zu dieser Zeit des Jahres in Deutschland noch nicht erschienen, die Radios fangen gerade erst an, „Wonderful Life“ zu dudeln. So erlebt man sie noch nicht auf der Hauptbühne, was sehr angenehm ist. Der Auftritt: Stilvoll, vom Anzug über den Kamm bis hin zu den Bewegungen. Sänger Theo spottet über das unpassend sommerliche Wetter, zeigt charmantes Deutsch („Wir sind Schmerzen“), und dazu gibt es eben diese spezielle Art Hurts-Musik, Drama-Pop vom Feinsten, inklusive des opernsingenden Pinguins im Hintergrund. Ein großes Vergnügen.

Ein kurzer Abstecher zur Hauptbühne, Reimpoetenmonster Dendemann ist wie immer gut (nur diese Vokuhila-Matte sollte er sich echt mal abschneiden lassen). Doch zurück zur Gemini Stage, denn auch die Friendly Fires reihen sich in die Garde der jungen Bands ein, die dort mit fein tanzbarem Indie-Elektro die Beine erfreuen. Anschließend wird zwischen drei Bühnen gezappt – Jamie T: tolle Musik, er wird ein immer besserer Sänger; Miike Snow: Ohrwurmalarm; The Big Pink im stickigen Zelt: „These girls fall like dominos!“.

Nach diesem Overkill in kurzer Zeit ist endlich ein bisschen Luft zum Trinken, Essen, Shoppen, Rasten. Dann stellen wir uns jedoch wieder vor die Hauptbühne mit guter Sicht auf die Leinwände, denn es folgt ein Höhepunkt des Festivals. Chris Cunningham, für visionäre Videos berühmt (Aphex Twin, Björk u.a.), zeigt heute eines seiner seltenen DJ-/VJ-Sets, und dieser Auftritt spaltet definitiv die Gemüter. Einige werden von den Bildern, die da über die Netzhaut flimmern, Albträume bekommen und sich hinterher beschweren. Der Rest ist gebannt und begeistert. Schwere Bässe bohren sich unnachgiebig in die Bauchdecke, Cunningham nimmt eigene und fremde Musik auseinander und setzt sie neu zusammen. Dazu flimmern Bilder und Videos vorbei, die schon auch heftig sind (Sex, Gewalt und andere verstörende Mindfucks), aber immer Eindruck machen und mit den Sounds harmonieren. Irre.

Danach kann es für heute nicht mehr besser werden, also streifen wir nur noch die Auftritte von Hercules And Love Affair (Disco), DJ Shadow (Oldschool) und Ewan Pearson (eleganter Techno). Abfahrt!

Sonntag

Der Sonntag ist ja erst seit 2008 beim Melt! Vorher hatte er frei. Das Sonntagsprogramm ist seitdem immer umfassender geworden, mittlerweile wird nicht mehr nur die Hauptbühne bespielt. In der Nachmittagssonne kann man heute relaxed in Hör- oder Sichtweite der Gemini Stage sitzen und ein heimliches Highlight miterleben. Erlend Øye und seine Kings Of Convenience sind ja eher für leise Töne bekannt, entspannte Melodien, mehrstimmig ins Ohr geschmeichelt. Das gibt es auch, dazu aber einen Auftritt, der allerbestes Entertainment bietet. Erlend ist in Partylaune, auf der Bühne wird herumgealbert, das Publikum wird integriert und am Schluss gibt es Standing Ovations. Danach bleibt es nordeuropäisch, denn die Spinner von Slagmalsklubben sollte man auch erlebt haben. Disco, Techno und Eurodance im Partymodus.

Für den Rest des Abends wechseln wir dann aber doch zur großen Bühne, dort gibt es noch vier feine Acts. Zunächst Konstantin Gropper und Get Well Soon. Die ganze Band ist dabei, das hervorragende zweite Album auch. Obwohl das Sonnenlicht nicht zur Musik passt, ist es doch wieder ein schöner Auftritt. Weiter mit den Broken Bells. Ja, James Mercer von The Shins und Brian Burton alias Danger Mouse sind persönlich da. Und die wunderschöne Popmusik, die ihr Album so (wieder-)hörenswert macht, überzeugt auch live voll und ganz.

Anschließend wird der Discofön angeschaltet, und wer lässt sich denn da die Haare so schön durchpusten? Na, Frau Goldfrapp natürlich. Auch wenn das aktuelle Album nicht jedermanns Sache ist (auf jeden tollen Song kommt ein zu platter Ausfall, so ungefähr jedenfalls), live ist das immer eine tolle Sache. Die Setlist ist auf die große Menge zugeschnitten, also lässt man die ruhigen Momente weg und gibt stattdessen eine Stunde lang Vollgas mit jeder Menge Hits.

Finale! Zum Schluss noch ein definitiver Höhepunkt, optisch, inhaltlich und musikalisch. Da kann man kaum bessere finden als Massive Attack, oder? Robert Del Naja, Daddy G und ihre zahlreichen Mitstreiter und GastsängerInnen bringen das komplette Tourprogramm auf die Bühne, Stücke vom tollen aktuellen Album „Heligoland“ ebenso wie natürlich die vielen, vielen unsterblichen Klassiker von „Unfinished Sympathy“ bis „Teardrop“. Dazu ein glasklarer und mächtig gewaltiger Sound und eine Leinwand voller Informationsflut mit starker politischer Meinung. Ein würdiger Abschluss des 13. Melt! – und natürlich kommen wir alle wieder, vom 15.-17.07.2011 (Tickets gibt es bereits, sobald erste Namen fallen, lest ihr hier darüber).

(Addison)

http://www.meltfestival.de

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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Kommentar

  1. 30.12.2010 - 16:27 Uhr

    Die Band Ladytron haben zum Beispiel dort beim Festival im Jahre 2007 ganz groß aufgespielt:))