Das dritte Album eines der wichtigsten elektronischen Acts der letzten Jahre soll zugleich das letzte sein. Warum nur, James Murphy? Weil du 40 geworden bist? Weil du meinst, damit in diesem Bereich alles gesagt zu haben? Komm schon, das kann nicht dein Ernst sein! Wer solche Alben aufnimmt, sollte nicht schon abtreten wollen!

Vielleicht führt er uns aber auch nur an der Nase herum. Wie mit der Vorabsingle “Drunk Girls” (es sei hierzu ausdrücklich auf das abgedrehte Spike Jonze-Video hingewiesen), die auf für LCD-Verhältnisse knappen dreieinhalb Minuten die Vermutung nahelegte, Murphy sei zu seinen Punkwurzeln zurückgekehrt und habe sich von seinem typischen Electro-Sound entfernt, mit dem er seit der Gründung des DFA-Labels (mit Tim Goldsworthy) rund um die Jahrtausendwende, spätestens aber mit den ersten eigenen Singles (“Losing My Edge”) Trends setzte. Mit dem Debütalbum “LCD Soundsystem” (2005) kreierte er einen ganz eigenen Stil zwischen House, Punk, Funk und Wave – und mit “Tribulations”, “Daft Punk Is Playing At My House” u.a. gab es einen Haufen Hits für die gute Disco. Der großartige Nachfolger “Sound Of Silver” war dann auf Albumlänge sogar noch besser und öffnete sich in Richtung Pop. Wobei “North American Scum”, “Someone Great” oder “All My Friends” auch als geniale Hits für sich stehen.

Nun soll also nach “This Is Happening” Schluss sein? Wenn das stimmt, verabschiedet sich jemand auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit. Das dritte Album erreicht die Klasse des Vorgängers weitgehend erneut (ohne dieses jedoch toppen zu können). Die Vorabsingle bleibt das einzige kurze Stück, der Rest bewegt sich zwischen knapp sechs und über neun Minuten und demonstriert sämtliche Qualitäten, für die Murphy geliebt wird. “Dance Yrself Clean” eröffnet das Album mit drei Minuten verhaltenen Gesangs plus Percussions, bevor gewaltige (analoge) Synthies den Song in einen mächtigen Stampfer verwandeln. Nach dem nahezu klassischen LCD-Soundsystem-Stück “One Touch” reist “All I Want” zurück in die Zeit, zu der ein Herr Bowie seine stärkste Phase hatte, nicht ohne jedoch in der Mitte eine schicke Keyboardmelodie einzubauen und hintendran ein paar atonale Störklänge zu versenken.

I Can Change” lässt dann die Synthesizer der 80er so richtig aufleben. Eurythmics-Fans werden hier bestimmt hellhörig. Und danach folgt “You Wanted A Hit”, das längste Stück hier. Textlich angenehm ironisch (You wanted a hit—but maybe we don’t do hits.” Von wegen!) und mit Spitzen Richtung Plattenindustrie versehen, staunt man plötzlich darüber, dass Mr. Murphy wohl auch Grauzone und ihren Eisbären kennen muss. “Pow Pow” tanzt zu Tribal-Beats nochmal den Funk, und nach dem ruhigen “Somebody’s Calling Me” endet das Album mit dem poppigen “Home” überraschend fröhlich.

The Fall machen schon länger nichts wirklich Relevantes, die Talking Heads gibt’s auch nicht mehr. Okay, die Referenz Human League haben ein neues Album angekündigt. Trotzdem: Wir hoffen, James Murphy bleibt der modernen Musik noch lange erhalten. Ob als LCD Soundsystem oder anders, egal.

(Addison)

P.S. Live: 19.06. Southside Festival – 20.06. Hurricane Festival – 25.06. St. Gallen Open Air

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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