laibach_spectreHurra, mein eigenes Parteibuch! Oder ist es doch eher ein Partybuch? Hat „Spectre“ mit Geheimorganisationen, mit James Bond zu tun? Und was meinen Laibach mit dem Beastie-Boys-Public-Enemy-Zitat-Mash-Up „Fight For Your Right To Party For Your Right To Fight“. Diese slowenischen Schelme!

Acht Jahre ist es schon her, dass Milan Fras und seine Mannschaft das letzte richtige Lebenszeichen aus dem Studio gesendet haben. Zwischendurch war man natürlich trotzdem aktiv, u.a. mit dem feinen Soundtrack zum Sci-Fi-Nazitrash „Iron Sky“. Dieses Mal werden keine alten Nationalhymnen neu und demaskierend vertont, stattdessen ruft man mit neuen Hymnen gewissermaßen zur Revolution auf.

Und dabei hat sich einiges geändert in Sound und Stil. Erstens: Die Band war wohl selten so eingängig und zugänglich unterwegs. Zweitens: Das Stilmittel der gerne auch zweideutigen Provokation wird gar nicht mehr so oft eingesetzt. Weniger Ironie, mehr offene und klare Ansagen an den Hörer, sich doch bitte Gedanken zum Zustand der Welt zu machen (und der ist schlecht, aber das wissen wir ja alle, dummerweise zucken die meisten trotzdem nur mit den Schultern).

Bei allem Ernst ist natürlich trotzdem Spaß geboten. Die Single „The Whistleblowers“ setzt den Snowdens dieser Welt ein Denkmal und bedient sich dabei fröhlich pfeifend alter deutscher Volksliedkultur. Auch anschließend wird musikalisch seltener gebolzt, man arbeitet eher melodisch. Fras grollt weiterhin in der Tiefe umher, aber auch er singt häufiger, oft im Wechsel mit Kollegin Mina Špiler. Und überall aktuelle Bezüge. „No History“ winkt direkt zu den Aktivisten von Occupy Wall Street hinüber. „Eurovision“ zeichnet ein düsteres Bild unseres Kontinents inklusive Anspielungen auf aktuelle Flüchtlingsdramen.

Dazu immer wieder Aufrufe zu weniger Passivität, zu Aktionismus, wie in „Walk With Me“ (zu putzigem EBM-Geklöppel). In „Resistance Is Futile“ werden Laibach zu den Borg und rufen laut (mit herrlichstem Kurzradau) den Blitzkrieg aus. Im fast schon kuscheligen „Koran“ wird es phrasenmäßig richtig kitschig. Dafür gibt es später zum Aufwachen noch ein knalliges „Just Say No!“ um die Ohren. Wer übrigens eine der berühmt-berüchtigten Coverversionen sucht, muss bis zu den Bonustracks warten, wird dann aber mit einer wilden Fassung von Serge Gainsbourgs „Love On The Beat“ und der dramatischen Blues-Neudeutung „See That My Grave Is Kept Clean“ belohnt.

So, muss jetzt raus hier, revolutionieren… Oder meinen die das doch wieder ganz anders? Sind die ganzen Meinungsäußerungen und Slogans, die gerne plakativ, ja womöglich sogar platt daherkommen, gar ein Doppelagentenspiel mit doppeltem Boden? Wollen die gar keine Revolution, sondern doch vielleicht lieber die Leute zum Nachdenken, besser noch zum selbständigen Denken, bringen? Wenn Laibach das mit „Spectre“ bei einigen gelingt, ist doch schon ein bisschen etwas gewonnen.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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6
Kommentare

  1. EA011902
    2
    17.4.2014 - 19:18 Uhr

    Klasse!

    Wieder einmal ein Klasse Werk! Wie zu erwarten! Bin sehr zufrieden. Auch live kommen die stücke sehr gut rüber!

    Bisschen „traurig“ bin ich, weil kein Song mit deutschem Text vorhanden ist, gerade das finde ich bei Laibach immer sehr spannend und interessant.

    WE ARE TIME!

    Glück Auf
    EA001902

  2. elf
    1
    12.4.2014 - 21:27 Uhr

    Schön das Laibach weitermachen!
    Rammstein haben damals ja fast alles von denen geklaut – Inszenierung, Stimm-dramatik, sogar das „Kreuz“ Icon von Rammstein ist von Laibach geklaut.

    Insofern freuts einen schon dass es mit dem Original auch weitergeht. :)

    • XXX
      1.1
      13.4.2014 - 2:06 Uhr

      Was wäre die Welt bloß ohne Wiki-Wissen ;-) Haben Rammstein jemals etwas anderes behauptet ? Also ich kann mit beiden Bands sehr gut leben…

    • Violated Jesus
      1.2
      14.4.2014 - 18:11 Uhr

      Weiß zwar nicht, was Rammstein in einem Kommentar zum Spectre Album Laibachs zu suchen haben, aber bitte.
      Hast Du Dir das „Original“ denn auch mal angehört? Legt man Rammsteins Debüt Herzeleid neben die bis dahin erschienenen Laibach Alben (NATO etc.) dann bleibt allenfalls die tiefe Stimme Till Lindemanns übrig, die an diese Werke erinnern könnte. Wenn es um den musikalischen Stil geht, dann lasse ich durchaus gelten, dass Rammstein die damaligen Oomph kopiert haben. Aber – um bei der Wahrheit zu bleiben – waren Oomph bis 2003 den Rammsteinern um Lichtjahre voraus. In Sachen Härte, sowie in Sachen Qualität.
      Und hört man sich das 1996 erschienene Jesus Christ Superstars Album an, dann könnte man wohl eher auf die Idee kommen, das Laibach hier sehr ordentlich „zurückkopiert“ haben. Was soll’s also? Spätestens wenn es um Verkaufszahlen geht, sehen sowohl Oomph als auch Laibach allenfalls Rammsteins Rücklichter in weiter weiter Ferne.

    • Violated Jesus
      1.3
      14.4.2014 - 20:59 Uhr

      @XXX
      Zumal auf Wikipedia ja auch ganz schöner Quark verbreitet wird. Ich zitiere:

      “ Rammstein lehnte eine Strophe aus ihrem Rammlied an Textteile von Laibachs Geburt einer Nation an:

      Ein Weg
      Ein Ziel
      Ein Motiv
      (RAMMSTEIN)
      Eine Richtung
      Ein Gefühl
      Aus Fleisch und Blut
      Ein Kollektiv

      … und warum isses Quark?

      Ganz einfach: Beide Bands haben sich textual an Queen angelehnt. So heißt es in One Vision (jetzt mal für Ungeübte extra der deutsche Text):

      ein mann
      ein ziel
      eine mission
      ein herz
      eine seele
      nur eine lösung
      ein lichtblitz yeah
      ein gott
      eine vision

      Geburt einer Nation war 1987, Queens One Vision 1985. Und darum isses Quark.

    • EA011902
      1.4
      17.4.2014 - 19:24 Uhr

      Laibach dazu
      Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Zunächst einmal hatten wir es einfach satt zu sehen, wie die angloamerikanische Szene, die gesamte Popkultur beherrschte, wie überall Englisch gesungen wurde. Das war der erste Grund.

      Zweitens wollten wir zeigen, was geschieht, wenn man einen Text von einem Kontext in den anderen stellt, ohne überhaupt wesentliche Änderungen daran vorzunehmen. Durch die bloße Übersetzung geht einiges schon verloren, die Bedeutung ändert sich, weil die Sprachen eben verschieden sind.

      Der dritte Grund ist, wir wollten den Eigencharakter von Sprache zeigen. Es ist wie bei einem Gedicht, das sich bei einer Übersetzung verändert. Der Text ist nicht derselbe, weil die Sprachen ein verborgenes System an Bedeutungen haben.

      Der vierte Grund war, wir hatten es einfach satt, dass alle deutschen Gruppen in englischer Sprache sangen. Es kam uns so vor, als hätten sich große Teile der Szene eben der Vorherrschaft des angloamerikanischen Pop und Rock unterworfen. Deswegen waren wir damals auch so froh, dass Kraftwerk und andere Gruppen anfingen, Deutsch zu singen. Schließlich auch stemmten wir uns gegen das Vorurteil gegen die deutsche Sprache, die nach dem Zweiten Weltkrieg verrufen war. Das hatten wir auch schon satt – nicht weil wir jetzt besondere Fans der deutschen Sprache waren, sondern weil wir die deutsche Sprache eben für eine wichtige Sprache halten. Schließlich sind Deutsch und Englisch mehr oder minder verwandte Sprachen oder mehr oder minder dieselben.

      http://www.deutschlandradiokultur.de/musik-songs-mit-dem-eigencharakter-der-sprache.954.de.html?dram%3Aarticle_id=282271