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Bevor das Jahr zu Ende geht, haben wir da noch einen ganzen Schwung Konzertberichte aus den letzten Monaten für euch in petto. Den Anfang machen Archive in Berlin – und in diesem Falle bedanken wir uns für den Gastbeitrag bei Norman Fleischer von Nothing But Hope And Passion (schaut ruhig mal rein da, eine empfehlenswerte Seite von ähnlich Musikbekloppten wie uns). Und los geht’s:

Das Live-Erlebnis Archive ist stets ein besonderes, auch wenn es sich – glücklicherweise – noch nicht bis in alle Ecken der Welt herumgesprochen hat. Also bleibt diese Band auch fast 20 Jahre nach ihrer Gründung ein Geheimtipp in jeglicher Hinsicht, sowohl musikalisch als auch im Kontext eines Konzertes. Ein gut gehütetes Geheimnis sozusagen. Und ein einmaliges und intensives Erlebnis, eben weil sich die Vielseitigkeit der musikalischen Biographie dieser Band auch während dieses Abends in Berlin wiederspiegelt. Das Huxleys ist nicht komplett ausverkauft, aber diejenigen, die gekommen sind, erleben spannende und aufregende zwei Stunden mit dem britischen Künstlerkollektiv Archive.

Über die Jahre hinweg hat sich die Zusammensetzung der einst von Darius Keeler und Danny Griffiths im Jahr 1994 gegründeten Gruppe stets geändert – jüngst erst stieß Sängerin Holly Martin für das neue Studioalbum „With Us Until You’re Dead“ dazu – eine gesangliche Komponente, welche der Band nur gut tut. Die Chanteusse gibt sich sinnlich und energisch, auch an diesem Abend. Ansonsten flüchtet sich die Band in die Intensität düsterer Lichtspielereien, hüllt sich bei Konzertantritt in dunkles, blaues Licht, das später wahlweise auch grün oder rot wird. Man selber ist dressed in black, genau wie die Songs aus zwei Dekaden. Wiped Out, der Opener gewinnt durch den wahnsinnigen Gesangseinsatz von Pollard Barrier schon noch kurzer Zeit an Fahrt. Hypnotisch treffen sich Schlagzeug und Synthesizer-Beats, laden zum Tribal Dance mit Trip-Hop-Anleihen. Pumpend, aber stets sinister, industriell, aber stets gefühlvoll. Archive mischen Menschen mit Maschine in einer unnachahmlichen Art und Weise. Stärker als in den letzten Jahren steht an diesem Abend aber das traditionelle Musizieren im Vordergrund, man verwendet weniger Samples, wenngleich die sinfonische Ausrichtung des neuen Studioalbums natürlich ein wenig aus der Konserve kommen muss.

Ansonsten ist von allem etwas dabei, Highlights gibt es viele an diesem Abend. Das ewig verbitterte „Fuck U“ zum Beispiel, welches über die Jahre nichts von seiner Intensität verloren hat. Aber auch „Again“ in einer herrlich reduzierten Akustikversion, nur mit Gitarre und Gesang intoniert, weiß mitzureißen und markiert einen angenehmen Ruhepol im hektischen Klanggewitter von Archive an diesem Abend. Die Band gibt sich höflich, verwertet ihre Ansagen dezent und leise zwischen dem tobenden Songs. Bald tobt auch das Publikum, zumindest in Sachen Applaus. Denn anders kann man dem Wesen und Klang von Archive auch nicht Tribut zollen. Es ist keine Musik zum Tanzen, zumindest nicht im traditionellen Disco-Verständnis. Zum Moshen reicht es auch nicht. Andächtiges und intensives Erleben sind sozusagen die Kernaufgaben des Berliner Publikums an diesem Abend. So bleiben Archive, auch als sie nach zwei Zugabeblöcken die Bühne verlassen, eine Macht im Musikbusiness. Ein Erlebnis für alle Freunde guter Live-Musik, abseits von Konventionen, festen Genre-Einordnungen und Klassifizierungen. Musik für Kopf und Herz gleichermaßen – kein Wunder, dass dieser Band vermutlich zu Lebzeiten der große Durchbruch verwehrt bleiben wird. Und das ist auch gut so.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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