Kelis zeigt Fleisch. Und ihr Inneres. Und ihre animalische Seite. Eine Menge also. Aber lassen wir den Überbau beiseite, dann haben wir ein astreines Electro-Album, das extrem eingängig und hochmodern die Spitze der aktuellen Dancemusic darstellt. Was zu einem zu mindestens zwei Dritteln perfekten Clubalbum führt.

Ende der 90er tauchte diese Dame erstmals in den Charts auf. An der Seite der Neptunes beeindruckte eine knapp 20-jährige mit Style, Afro und einer fantastischen Stimme. Später machte sie uns mit Hits wie “Milkshake” oder “Trick Me” kirre, und nun – nach der Geburt ihres Sohnes im vergangenen Jahr – wollte sie mit einer Scheibe für die Clubs zurückkehren.

Operation gelungen, Patient tanzt. Der Rezensent muss ja zugeben, dass er etwas besorgt war, als zu lesen war, das Album würde auf dem neuen Label von will.i.am (Black Eyed Peas) erscheinen und von David Guetta co-produziert werden. Zwei, die doch – pardon – für oftmals ziemlich seichten Mainstream stehen. Doch Entwarnung, will.i.am hat sich bei der musikalischen Seite fast völlig zurückgehalten und Mr. Guetta war auch nur an zwei der neun Tracks beteiligt.

Darunter die aktuelle Single “Acapella”, bei der man neidlos zugeben muss, dass von allen Beteiligten Maßarbeit abgeliefert wurde. Vom knackigen Beat über die dicken Synthesizer (Erkennt eigentlich noch jemand eine kleine Spur “I Feel Loved”?) bis zur Melodie, die Kelis mit ihrer markanten, unnachahmlich zwischen verrucht-tief und angekratzt-hoch pendelnden Stimme auf den Punkt ins Ziel bringt.

Doch die Single ist keineswegs das allein herausragende Stück (wie das bei früheren Kelis-Alben durchaus schon vorgekommen ist). Nein, zu großen Teilen greift hier ein Rädchen exakt ins andere. Der Opener verschenkt fast sein Potential, indem er sich schlicht “Intro” nennt, wo doch ein kompletter Song dahinter steckt, der langsam ins Album eingroovt und mit klassischem Synthesizer-Sound die electropoppige Richtung vorgibt. An seinem Ende macht die Chefin klar: “We control the dancefloor” und springt gleich weiter ins “22nd Century” – bei dem übrigens der Berliner Boys Noize an den Reglern saß. Ein satter Stampfer, bei dem, wie so oft hier, am Trackende ein Interlude folgt, dem man ein eigenes Stück gegönnt hätte. Doch das housige “4th Of July (Fireworks)” lässt alle Beschwerden vergessen. Da wurden scheinbar gleich mehrere Refrains in einen Song gepackt. Ein Hitkandidat vor dem Herrn!

Was man sicher über noch weitere Stücke sagen kann – das knapp auf der guten Seite des 90er-Dance balancierende “Home”, das zackige “Scream” (tolle Pianolinie vs. grenzwertige Guetta-Sounds) oder das pumpende “Emancipate”. Im letzten Drittel des Albums werden zwar womöglich auch ein paar zu billige Effekte (Hallo Madonna! Und danke, Herr Benassi!) verbraten, aber darüber sehen wir mal großzügig hinweg.

Weil “Flesh Tone” schon genug Hits enthält, weil die Platte im Ganzen einfach überzeugt, weil Kelis eine starke Künstlerin ist. Und weil wir tanzen wollen! Album des Monats!

(Addison)

P.S. Hier hineinhören: Albumplayer

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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