Über Musik, die Zukunft, Bernard Sumner und die Ex-Kollegen

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Hotel Savoy, Berlin-Charlottenburg. Ein später Montagnachmittag im März. Draußen regnet es. Karl Bartos, der geladen hat, um über den Re-Release seines Albums „Communication“ (und mehr) zu sprechen, steht am Fenster zur Terrasse des Restaurants und schlägt scherzhaft vor, das Interview doch dort zu führen. Dann entschuldigt er sich dafür, dass er noch ein, zwei Minuten brauche, um sich zu „resetten“. Der Interviewtag war lang, und eigentlich rede er nicht so gern. Was er in der folgenden reichlichen halben Stunde aber wortreich und auskunftsfreudig widerlegt.

Karl Bartos: Du schreibst für die Depeche-Mode-Website, richtig?

dm.de: Genau. Wir berichten dort eben auch über Musik außerhalb von Depeche Mode. Größtenteils elektronische Musik, manchmal jubeln wir auch mal etwas Abseitigeres unter. Versuchen, ein wenig den Horizont zu erweitern. Ist nicht immer ganz einfach bei DM-Fans, aber das kennst du ja bestimmt auch von Kraftwerk-Fans, oder?

Ich leide so ein bisschen darunter, dass wir eben so eingeordnet wurden. Das liegt aber auch an der Rhetorik meiner Kollegen damals. So eine gewisse chauvinistische Haltung anderer Musik gegenüber. „Die Gitarre ist ein Instrument aus dem Mittelalter.“ Das hat nicht unbedingt dazu beigetragen, dass die Leute der elektronischen Musik gegenüber offen waren. Ich fand das rhetorisch nicht besonders klug. Ich glaube aber, heutzutage sind die Leute viel eher bereit – ich weiß es nicht, vielleicht entspricht das auch nicht deiner Erfahrung – darüber hinwegzusehen.

Das denke ich auch. Es gibt mittlerweile so viele Genres und Verzweigungen…

Was sagst du, spielt das noch eine Rolle?

Für mich nicht. Für die Fans… unterschiedlich, würde ich sagen. Es gibt natürlich immer ein paar Oldschool-Fans, die auf keinen Fall eine Gitarre – oder umgekehrt, auf keinen Fall Elektronik – ertragen können.

Ich finde, dieses Denken sollte man vernachlässigen.

Als jemand, der musikalisch immer zukunftsgewandt unterwegs war und ist – wie hat sich die Zukunft aus deiner Sicht entwickelt, gerade so seit dem ersten Erscheinen von „Communication“ vor 13 Jahren?

Also Spotify hätte ich nicht voraussehen können. Ich habe mit dem Schreiben für das Album so um 2000 herum, im Millenium, angefangen. „15 Minutes Of Fame“, die Musik zusammen mit Anthony [Rother, Anm. d. Red.]. Wir haben damals die ersten E-Mails geschrieben, es gab noch keine sozialen Netzwerke, aber es gab die Anfänge der Casting-Shows. Wenn mir einer gesagt hätte, wir würden jetzt heute hier sitzen und hätten auf mehreren Fernsehkanälen Casting-Shows, hätten so etwas wie Facebook und Spotify, dann hätte ich mich sehr gewundert. Ich habe mir das nicht gewünscht.

Du bist also auch nicht besonders glücklich mit dieser Entwicklung.

Man muss das schon fatal sehen. Ich sehe das Internet ja auch so wie einen Hammer. Man kann damit ein schönes Bild an die Wand hängen oder jemanden totschlagen. Das Internet ist eben alles. Das Problem ist, dass es international ist, aber die Staaten sind sich uneinig. Die Geschäfte werden im Internet gemacht, es ist das Geschäftsmodell amerikanischer Prägung. Und das bringt ein paar Dinge mit sich, die wir als Mitteleuropäer einfach nicht gut finden können. Ich bin ja nicht der Einzige, der das so sieht, aber ich finde, das Internet ist eine Datenautobahn – um mal im Bild zu bleiben – aber da gibt es keine Verkehrsregeln. Und diese Verkehrsregeln lassen sich auf dieser internationalen Ebene schlecht gestalten. Moral ist ja auch international. Es gibt nicht eine Moral, sondern ganz viele unterschiedliche. Und Ethik auch. Das ist das Problem, was ich mit dem Internet habe.

Im Jahr 2000 dachte ich eigentlich mehr an das Schreiben von E-Mails und ein paar Bilder. Ich dachte nicht daran, dass die Printmedien in Bedrängnis kommen werden. Es hat sich ganz schön etwas verändert. Ich kann eben nicht in die Zukunft blicken, aber Musik hat schon etwas mit der Zeit zu tun, und zwar in vielfacher Weise. Sie blickt in die Zeit und auch in das, was kluge Menschen die Unendlichkeit nennen. Etwas, das außerhalb der Zeit steht. Was wir jetzt noch nicht wissen, die Zukunft, was später mal sein wird.

Wie siehst du da so die Aussichten, was die Musik angeht, auch hinsichtlich des vieldiskutierten Themas Streaming, das ja bei vielen Musikern eher nicht so ein beliebtes Thema ist?

Eigentlich ist es ja nicht so schlecht, dass Musik zugänglich ist. Das Problem ist das Geschäftsmodell. Das fing ja schon in den nuller Jahren an. Ich weiß noch, als „Communication“ herauskam, hat mir die Sony [Bartos‘ damaliges Label] immer so Geschäftsberichte zugeschickt. Sie hätten in Erfahrung gebracht, dass es illegal 100.000 mal heruntergeladen wurde. Von russischen Portalen. Das Dumme ist ja gar nicht mal, dass es heruntergeladen wird, sondern, dass Musik benutzt wird, um andere Geschäftsmodelle mit Energie auszustatten. Das können Musiker eigentlich nicht gut finden, niemand, ob das jetzt Depeche Mode sind oder eine Gruppe aus der Subkultur. Das ist einfach nicht richtig, nicht fair.

Problematisch ist ja auch, dass vor allem weniger bekannte Musiker nicht mehr davon leben können.

Ja, das geht nicht, man kann es nicht verkaufen. Alle sind bei Spotify, weil da die Musik zu einem irrsinnig günstigen Kurs konsumiert werden kann. Das ist so ambivalent. Man hat ja nichts dagegen, dass andere Menschen Musik lieben. Wenn es sie für wenig Geld gibt, habe ich auch nichts dagegen, wenn Leute sie für wenig Geld kaufen. Ich habe neulich diese unglaubliche Zahl gehört, 30 Millionen Songs (oder noch mehr), aus verschiedenen Jahrhunderten, da sind ja auch Klassikaufnahmen darunter. Das Problem ist, dass das aus den Fugen gerät und dass es niemand ordnen kann. Also muss man sich fatalistisch fügen, sich damit auseinandersetzen und Musik dahin bringen, wo sie herkommt. Musik war ja auf unserer Welt, lange bevor es Aufzeichnungen gab. Musik da zu konsumieren, wo sie wirklich gemacht wird, das scheint mir eine ganz gute Antwort zu sein.

Deswegen boomen ja auch die Konzerte so.

Und genau da wird Musik wieder ritualisiert. Man ist Teil einer Feier. Das gefällt mir sehr gut.

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Dazu habe ich später noch eine Frage. Vorher aber nochmal zum Re-Release von „Communication“ nach 13 Jahren. Warum gerade jetzt?

Warum nicht [lacht]? Ich bin einfach vorher nicht dazu gekommen. Ich hätte es am liebsten schon vor fünf oder auch zehn Jahren gemacht, aber immer ist etwas anderes zu tun, jetzt eigentlich auch, wo ich an einem Buch schreibe. Es gibt keinen wirklich logischen Grund für diesen Zeitpunkt. Auf der letzten Tournee haben mich viele Leute danach gefragt. Eigentlich gibt es das zwar kostenlos überall – du brauchst ja nur auf eine dieser russischen Seiten zu gehen.

Aber die Fans in dieser Szene kaufen ja zum Glück noch physisch, auch Vinyl.

Ja, wir haben auch Vinyl, das sieht klasse aus, ach, herrlich.

Warst du am Remastering selbst beteiligt?

Nee. Das hat der Michael Schwabe aus Düsseldorf gemacht, und der ist ein großer Künstler. Kann ich nur empfehlen, den Mann.

Und du hast das dann nur kontrolliert?

Ja, ich habe das abgesegnet. Ich hatte gar keine großen Erwartungen. Ich habe beide Alben also zusammen im Wechsel gehört. Und neulich, als ich ihn in Düsseldorf bei einem Konzert getroffen habe, habe ich ihn gefragt, wie er das denn hinbekommen habe. Na ja, Erfahrung, gute neue digitale und analoge Instrumente. Das ist dann schon Kunsthandwerk. Der Michael hat auch mein erstes Album „Esperanto“ [1993, als Elektric Music] geremastert, das wird es also auch bald wieder geben.

Der Song „Life“ erschien ja jetzt parallel als Leadsingle, auch als 7“. Wie kam es zur Auswahl dieses Songs?

Das hat mein Label gemacht. Wir spielen den Song ja auch live. Und Bernard Sumner findet den Track auch ganz gut [grinst].

Auf den wollte ich auch gerade zu sprechen kommen. Das springt einem ja bei diesem Song geradezu entgegen.

Ja, ich sage das ja auch ganz offen. Ich war in Berlin, so 2001, als New Order hier gespielt haben. Da haben wir uns mal wieder getroffen, damals war der Hooky noch dabei. In der Columbiahalle war das, glaube ich.

Genau, ich war damals auch dort.

Ja, und da haben die diesen Song von ihrem neuen Album gespielt, „Crystal“ – und den fand ich so toll. Da bin ich nach Hause und habe in ein, zwei Tagen diesen Song geschrieben. Natürlich ist das eine Hommage an New Order. Später rief Bernard mich aus Real World [dem Studio von Peter Gabriel] an: „Wir mischen hier gerade unser Album und ‚Communication‘ läuft, der Song ‚Life‘, hör mal!“ Und der Hooky sagte, ich singe ja wie Bernard. So was macht einfach tierisch viel Spaß. Für so etwas bin ich Musiker geworden. Das ist mein New-Order-Song. Bernard wollte den übrigens auch schon veröffentlichen, aber er hat es noch nicht gemacht.

Hast du das Comeback von New Order verfolgt?

Ja. Ich war auch im Berghain, als sie zu dieser Talkrunde hier waren. Beim Konzert leider nicht, da konnte ich nicht. Ich finde grundsätzlich alles gut von New Order. Ich bin an allem interessiert, was die machen. Weißt du, wenn du die Leute persönlich kennst, dann steht die Musik nicht mehr so im Vordergrund, sondern die Menschen, die sie machen und in der Musik leben.

Das heißt, ihr habt immer noch regelmäßig Kontakt.

Wenn ich Bernard höre, das ist für mich Glück.

Ja, ständig eigentlich.

Ist das auch mit anderen Musikern so, mit denen du gearbeitet hast, wie Anthony Rother oder…?

Ja, mit Anthony ab und zu. Oder mit Andy McCluskey, mit dem bin ich auch gut befreundet. Neulich hatten sie mich eingeladen, als OMD in Hamburg gespielt haben. Night Of The Proms, oder wie das heißt. Da habe ich leider abgesagt, ich glaube, er war auch ein bisschen beleidigt, aber das sind mir einfach zu viele Menschen da. Aber wenn sie wieder in kleinerem Umfeld spielen, gehe ich wieder hin. Meistens bin ich dann auch beim Soundcheck, da machen wir Quatsch und erzählen uns blöde Sprüche.

Du sagtest gerade, du schreibst an einem Buch. Eine Biografie ist in Arbeit?

Ja. Jeden Tag schreibe ich daran, seit zwei Jahren schon.

Wie weit ist sie gediehen?

Viele hundert Seiten, ich glaube, um die 700 jetzt. Es wird schon zu so einem Monster, immer größer, und ich muss das in Schach halten. Das saugt mich da total rein, in dieses Leben, was ja mein Leben ist, aber wenn man das schreibt, wird man auch so… distanziert.

Man sieht von außen auf sich drauf.

Ja, das ist wie so ein Theaterstück. Es ist aber auch traurig, weil Menschen die ich kannte und die mir lieb waren, darin sterben. Ein mixed pleasure. Manchmal ist es dann auch wieder unheimlich lustig. Verschiedene Kraftwerk-Konzerte, bei denen ich dabei war, z.B. 1981 hier im Metropol oder das Konzert im Ritz in New York, die sind dann als Schlaglicht vorhanden, und ich habe noch unheimlich starke Erinnerungen daran. Das ist wie in einem Film, da kann ich vor- und zurückspulen zu einzelnen Szenen. Und es ist schön, dass ich jetzt die Gelegenheit habe, darüber zu berichten.

Kannst du schon absehen, ob das Buch den Schwerpunkt mehr auf die Lebensgeschichte oder auf die Musik legen wird?

Drei Schwerpunkte. Klangbiografie, das Leben mit meiner früheren Gruppe (für 15 Jahre) und Musik. Musik dann aber losgelöst von Bands oder sozialen Dingen. Klingende Luft. Es gibt ja Leute, die sagen, Musik ist für sie Physik, Metaphysik und Psychologie [lacht]. Und ich bewege mich dann in diesem Bereich, aber in normalen Worten.

Wir sind gespannt. Was ist eigentlich aus deinem Label AudioVision geworden?

Das ist schwierig für mich, weil ich da ja alleine bin. Das, was wir damals veröffentlicht haben, „Musica ex Machina“, das war so zum Test. Aber das ist alles mit unglaublich viel Bürokratie verbunden. Jetzt haben wir das Trocadero-Label mit dem Rüdiger Ladwig, das ist auch ein alter Freund. Und das funktioniert einfach so toll, wenn man ein paar Leute hat, mit denen man sich auch austauschen kann. In der früheren Welt, wo es [große] Plattenfirmen gab, war man sehr abhängig. In den Plattenfirmen selbst gab es ja auch eine sehr hohe Fluktuation an Menschen. Das sind halt Firmen, und Firmen haben keine Moral, die sind so wie Banken. Das war schon eine andere Welt, heute ist das ganz anders. Da finden sich eher so kleinere Gruppen zusammen und machen ganz kleine Geschäftsmodelle. Da hilft man sich auch. Das ist mehr so… wie bei Depeche Mode und dem, was sie mit Daniel Miller hatten, das war toll! Aber manche dieser Bands sind halt zu groß geworden, und wenn sie zu groß werden, dann geht das so nicht mehr. Daniel habe ich übrigens neulich in Berlin getroffen, mit Bernard, Steven und Gillian [von New Order].

Dieses Podiumsgespräch [beim Popkultur Festival] habe ich mir auch angesehen.

Genau. Da war ich auch. Dann sind wir noch essen gegangen, das war total angenehm.

Dann gab es noch das Thema Live Cinema, machst du da auch noch etwas?

Ich arbeite ja immer audiovisuell. Momentan habe ich aber eigentlich alles gestoppt, weil das Buch eben so anstrengend ist. Ich kann eben auch nur sechs bis acht Stunden schreiben am Tag.

KARLBARTOS_!©Jann_Klee_1500

Da ist man dann auch durch.

Ich bin platt. Meistens gehe ich so gegen 10 oder 11 Uhr in mein Studio, da sind die größten Bildschirme, die ich habe. Und dann schreibe ich, und das ist ganz, ganz intensive Arbeit. Du kennst das ja.

Auf jeden Fall. Und dann guckt man auf die Uhr und wundert sich, wie spät das schon ist.

Weißt du, ich muss mir aufschreiben, wann ich angefangen habe, weil ich komplett die Zeit verliere. Damit ich den Überblick behalte. Ich schreibe mir auch auf, was ich gemacht habe, in meinen Tagebüchern. Sonst schwimmt das alles ineinander, in so einer Kreativmasse. Und ich möchte wenigstens noch ein bisschen Kontrolle darüber haben, wo ich gerade bin [grinst].

Wo du gerade Tagebuch sagtest: Zu deinem Album „Off The Record“, das ja teilweise vom Sound durchaus dicht dran an Kraftwerk war, hieß es, da käme einiges aus deinem „geheimen Tagebuch“.

Ideen. Die Sounds habe ich sowieso. Wenn du einen Minimoog anmachst, dann sind die da.

Schlummert da noch mehr von diesen alten Ideen, und kommt da irgendwann noch etwas?

Ja, klar. Ich würde auch gerne wieder mehr Musik machen, aber ich habe eben auch Verpflichtungen mit dem Buch, einen Vertrag, das muss jetzt irgendwann abgeliefert werden. Ich würde mir wünschen, mal wieder drei, vier Wochen Musik machen zu können, das ist so schön abstrakt. Aber nö, erstmal hat das Buch Priorität.

Wo du ja auch immer noch live tourst und dabei auch einen guten Teil an Kraftwerk-Songs spielst…

Die, bei denen ich dabei war. Autobahn spiele ich nicht.

Klar. Wenn du die Kraftwerk-Songs spielst: Was geht da so emotional in dir vor?

Nix. Es ist ganz komisch. Wenn die Musik veröffentlicht ist, beginnt sie ein Eigenleben. Ich war jetzt auch mal wieder in Hamburg auf einem Kraftwerk-Konzert, und ich war emotional überhaupt nicht involviert in diese Performance. Null. Die Arrangements waren anders, der Sound, die Bilder. Ich war komplett distanziert. Ich wollte und musste das für mein Buch machen. Das war das erste Konzert, das ich seit meinem Ausscheiden gesehen habe. Aber ich bin dann nach dem Konzert rausgegangen und war genau so klug wie vorher. Wenn ich selber „Die Roboter“ oder „Das Model“ spiele, dann hat das auch nichts mehr mit Kraftwerk zu tun, dann ist es etwas, was ich jetzt gerade aufführe. Aber ansonsten ist das weg, keine Reminiszenzen, romantischen Gefühle, Ärger oder Freude. Ganz komisch. Ich habe mehr Emotionen, wenn ich New Order höre. Wenn ich Bernard höre, wenn er singt oder so, das ist für mich Glück.

Wie fandest du dann das Konzert deiner alten Kollegen, so rein musikalisch?

Ich bin ja kein Kritiker, daher möchte ich das gar nicht bewerten. Ich kann nur sagen, dass ich komplett distanziert war und für mich nichts empfunden habe. Ich dachte, es würde mich flashen, ich wäre emotional berührt und traurig. Aber ich hätte keine Lust, da der Zweite von links zu sein. Was ich da auf der Bühne sehe, das hat nichts mit dem zu tun, was ich mit Musik verbinde. Man kann das als künstlerisches Experiment bezeichnen, als einen besonderen Entwurf. Aber das spricht nicht zu mir, und das war eben das Komische, meine eigene Musik sprach nicht zu mir. Ich hatte mir ehrlich gesagt mehr für mich erhofft, dass das irgendetwas in mir zum Klingen bringt, was ich dann gut [für das Buch] verwerten kann, aber: Leere Seiten, nix. Das Komische an Berichten über Kraftwerk ist ja: Die lesen sich immer wie ein Lexikoneintrag oder wie auf Wikipedia. „Sie haben dann und dann das und das gemacht und so weiter… Es war ein gutes Konzert, erstaunliche Bilder und so.“ Es besteht einfach immer nur in einem Lexikoneintrag. Deshalb bin ich nicht Musiker geworden, absolut nicht.

Zum Schluss nochmal zu deinem Album: Zu „The Message“ gibt es jetzt einen Remix von Matthew Herbert. Wie kam es dazu?

Ah, ja, Matthew. Kontakte über die Plattenfirma. Ich kannte ihn vorher nicht persönlich, finde aber klasse, was er macht. Ein sehr guter Künstler, ich hätte nie damit gerechnet, dass er das für mich macht.

Du sagtest mal in einem Interview, der Remix wäre heutzutage fast schon zum Original geworden.

Ja, das ist so ein Gedanke, ich bin gerade dabei, den mal zu Ende zu formulieren. Der Remix ist ja eine gute Sache. Dadaismus, Dekontextualierung, Rekontextualisierung, Collagen, Schnippeleien, Cut-Up und so. Von der Plattenindustrie dann so ab den 70er Jahren, in der Disco-Zeit, eingesetzt worden. Der Computer hat das natürlich verändert. Musik wird ja kaum mehr gespielt, und wenn sie doch gespielt wird, gibt es Programme, die das quantisieren. Mit Pro-Tools bekommst du einen, der Schlagzeug spielt, scheibchenweise in die Zeit quantisiert. Die jungen Menschen – ich habe sie hier an der UdK [Universität der Künste] kennengelernt, als ich die Professur hatte – haben oft mehr Interesse daran, ein Computerspiel zu spielen, als abstrakte Musik zu erfinden. Der Vorgang der Kreativität hat sich verändert, dahingehend, dass sie viel mehr Freude daran empfinden, Strukturen zu schaffen, mit denen man etwas macht, als wirklich die Inhalte.

Vielen Dank für das schöne Gespräch!

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Letzte Aktualisierung: 14.4.2016 (c) depechemode.de

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

5
Kommentare

  1. Electrocution
    4
    13.4.2016 - 11:11 Uhr

    In der Tat

    @ alh8888

    Klingt etwas böse, aber im Grunde hast du Recht!
    Ich selbst find Karl Bartos sympathisch und höre mir gern an, was er zu sagen hat. Mit seiner Musik kann ich mich jedoch nicht wirklich anfreunden. Das ein oder andere gute Lied ist dabei, aber ein ganzes Album zu hören wird schwierig. Und der Kraftwerk- bzw. Robotersound ist (zu oft!) vorhanden. Ich sehe da nicht wirklich eine Weiterentwicklung.

  2. alh8888
    3
    13.4.2016 - 0:03 Uhr

    Ist es böse?

    Ist es böse wenn ich behaupte der Typ lebt bis heute nur davon mal (75 – 86) Mitglied einer der geilsten und einflussreichsten Bands aller Zeiten gewesen zu sein?

  3. Reckmann
    2
    10.4.2016 - 18:24 Uhr

    Musik Für` s Lexikon - Korrektur/Version

    Da kann Karl Bartos froh sein und „Kraftwerk“ können es auch. Es gibt Schlimmeres als im Lexikon der Musik und viele ihrer Spielarten zu stehen. Hits schreiben viele. Die Musik verändern nur wenige. Man kann auch gerne mal dankbar für den eigenen Stellenwert sein, finde ich.

  4. Reckmann
    1
    10.4.2016 - 18:17 Uhr

    Musik Für` s Lexikon

    Da kann Karl Bartos froh sein und „Kraftwerk“ können es auch. Es gibt Schlimmeres als im Lexikon der Musik und vieler seiner Spielarten zu landen. Hits schreiben viele. Die Musik verändern nur wenige. Man kann auch gerne mal dankbar für den eigenen Stellenwert sein, finde ich.

    • Reckmann
      1.1
      10.4.2016 - 18:21 Uhr

      Nachtrag - Musik Für` s Lexikon

      „… der Musik und viele ihrer Spielarten … muss es bei mir wohl heißen.