Huch, R’n’B! Wie kommt denn so was hierher? Tja, wer nicht blind und taub durchs Leben geht, muss auch dieser Art Musik ihre gelegentliche Chance einräumen. Und wenn dann eine mit derartigem musikalischen Talent gesegnete Person aus dem Jahr 2719 vorbeikommt, die auf ihrem Debüt sämtliche Grenzen sprengt (womit das hier auch kaum als R’n’B durchgeht), darf man sich nicht wehren.

Hä, 2719? Nun, Miss Monáe zog bereits auf der dem Album vorangegangenen EP „Metropolis: The Chase Suite“ von vorne bis hinten das inhaltliche Konzept einer Zukunftsvision durch, in der ihr Alter Ego, die Androidin Cindi Mayweather, die Pläne einer bösen Geheimorganisation zu vereiteln versucht. Diese Story wird nun auf „The Archandroid (Suites II and III)“ konsequent weitergesponnen.

Genau, gesponnen mag es vielleicht treffen, wenn man so etwas liest. Aber „Metropolis“ war schon als Film ein (lange verkannter) Geniestreich, und warum soll so etwas nicht auch musikalisch umsetzbar sein? Wesentlich ist allerdings, dass die Musik dazu schlicht umwerfend ist.

Janelle Monáe macht hier ja keinen Beyonce-Rihanna-Quark (mit Ersterer ist lediglich ein Teil der Stimmfarbe vergleichbar), nein, hier wird mit klassischer Musik gespielt, R’n’B mit Hip Hop, Pop, Electro, Rock, Punk, Dance, Funk, Soul und allem Möglichen kombiniert, was der „Androidin“ sonst so vor die Schaltkreise geraten ist. Ähnlich wilde Stilmixturen hat wohl bisher kaum jemand versucht.

Neben grandiosen Arrangements (spätestens hier sollte man die talentierten Studio-Mitstreiter Chuck Lightning und Nate Wonder nennen) und perfekt ineinander übergehenden Tracks kommt auch noch ein Händchen für umwerfende Songs dazu. Unter den 18 Stücken finden sich jede Menge Songperlen unterschiedlichster Couleur, in denen Monáe ihre enorme stimmliche Bandbreite – die in Spuren unter anderem an Größen wie Grace Jones oder Erykah Badu erinnern kann – unter Beweis stellt. Da springt nach der Ouvertüre das coole „Dance Or Die“ in das funky „Faster“ über, wenig später schwelgt man im feinfühlig schwebenden „Sir Greendown“ (dem Love Interest der Protagonistin), bevor zwei der offensichtlichsten Hits folgen – das drum’n’bass-artige „Cold War“ (okay, ob man die Stimme mag, ist wohl gelegentlich auch Geschmackssache, lässt die Gattin des Rezensenten ausrichten) und das outkastig groovende „Tightrope“.

Noch viel mehr ist zu entdecken – das unglaublich warme „Oh Maker“, das um ein Bluesmotiv gebaute und in wilden Schreiorgien explodierende „Come Alive“, das kindliche „Wondaland“ oder das fließende „Say You’ll Go“. Und ganz zum Schluss gelingt mit dem über achtminütigen „BabopbyeYa“ noch ein Geniestreich für die Ewigkeit – ein James-Bond-Song nebst Filmscore ohne Film dazu.

Ein unerwarteter Geniestreich aus einem unerwarteten Genre. Ein Album aus der Zukunft? Ein Album für die Zukunft!

(Addison)

P.S. Die sehr schönen offiziellen Videos zu „Tightrope“ und „Cold War“ möge der User bitte selbst suchen (wir wollen uns hier nicht in laufende Plattenfirmenstreitigkeiten einmischen).

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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