Interview

Torul Torulsson, Jan Jenko und Borut Dolenec - oder kurz: TORUL.
Torul Torulsson, Jan Jenko und Borut Dolenec - oder kurz: TORUL.

Das neue TORUL Album „The Measure“ steht seit 20. März in den Plattenläden, der Albumtrailer geht durch alle sozialen Netzwerke. In den letzten Tagen hat die slowenische Band rund um Torul Torulsson Konzerte in München, Frankfurt, sowie das E-Tropolis und E-Werk Ost Festival gespielt. Grund genug einmal nachzufragen, wer oder was TORUL sind, was sie musikalisch ausmacht und wie Namensgeber Torul Torulsson die Welt sieht. Heraus kamen unsagbar schöne Stadtbeschreibungen, der Versuch der Definition des Wortes Liebe und ein geheimer Reisetipp für alle, die schon immer mal Slowenien erkunden wollten.

Hey Torul, wie geht es dir?

Gut, danke! Ein wenig beschäftigt im Moment…

Verstehe ich. Euer neues Album ‚The Measure“ wurde ja am 20. März 2015 veröffentlicht. Seid ihr sehr gestresst im Moment, weil es so viel Arbeit gibt oder seid ihr „beschäftigt aber entspannt“?

Nun, vielleicht nicht zu gestresst, aber es gibt viele Feinheiten zu klären und recht viel zu tun im Moment. Wir arbeiten gerade an unserer Liveperformance, wir haben erst neulich ein Video gefilmt und Borut hat paar „Hardcore Editing Sessions“ eingelegt, wenn man das so nennen möchte. Ich habe die ganze Zeit alle möglichen Managementsachen übernommen. Es gibt so viel zu tun momentan…

Was darf der geneigte Hörer denn vom Album erwarten und was ist dein Lieblingsstück darauf?

Gute Frage. Nun, es ist ohne Frage ein Torul-Album, aber ich finde, dass es sich bis jetzt am besten von allen anhört. Auch wenn es seine dunkle, melancholische Seite hat, finde ich, ist es nicht zu schwer geraten. Besonders die erste Hälfte ist ziemlich tanzbar, wobei der zweite Teil ein wenig intimer wird. Ich hoffe wirklich, dass die Leute nicht nach den offensichtlichen Hitnummern suchen, Obwohl ich glaube, dass sich auch welche darauf befinden. Aber ich möchte, dass die Leute dem Album auch als Album eine Chance geben – alle Songs wurden in die richtige Reihenfolge gebracht (lacht).

Es könnte hier immer noch paar Leute geben, die euch nicht kennen. Wie würdest du die Band und eure Musik beschreiben?

Gibt es die? (lacht) Es ist eine einzigartig klingende Synth-Electro-Indie-Pop-Band mit einer ganzen Palette an Einflüssen und hervorragendem Gesang. Erdenbeben erzeugender Bass, starke Beats und Gesang. Eine Vielzahl an verschiedenen Gitarrenklängen. Wahrscheinlich klingt sie ziemlich frisch auf eine bestimmte Art und Weise!

Das war jetzt die beste Selbstbeschreibung, die ich seit langem gehört habe. Ihr seid ja aus Slowenien und ihr macht schon so etwas wie Synth-Pop. Wo bestehen die Unterschiede zwischen der Musikszene dort und dem Rest Europas?

Es gibt keine Synth Pop-Szene hier. Slowenien leidet an dem typischen “kleiner Staat“-Syndrom: Hier leben 2 Millionen Menschen insgesamt. Es gibt nicht genügend Raum für jede Szene hier. Die größten Szenen, die man “alternativ“ nennen kann, sind die Clubbing- oder DJ- Musik-Szene mit Techno, Tech-House, House, D’n’B und Disco, die Alter-Rock-Szene, Metal-Szene, ein bisschen Reggae gibt es auch. Aber eben keinen Synth-Pop – bis jetzt. Natürlich gibt es Leute, die es lieben, TORUL zu hören. Viele neue Hörer reagieren sehr positiv, was extrem wichtig ist. Aber sie bilden keine Szene, weil Promoter und Journalisten das nicht unterstützen. Es ist manchmal frustrierend, aber lass uns nicht zu viel rumnörgeln (lacht).

In einer Band zu sein bedeutet viel touren und reisen. Was waren die schönsten Tourmomente, die ihr über die Jahre gehabt habt?

Wahrscheinlich war das die Tour mit MESH: Es war einfach so neu für uns, so aufregend. In einer anderen Stadt jeden einzelnen Tag aufzuwachen. Wunderschön. Borut und ich sind sogar jeden Tag longboarden gegangen in den Stadtzentren, um anschließend irgendwo Kaffee trinken zu gehen. Für mich ist alles wunderschön, was nicht Stress oder Chaos ist – alles zählt, die ganze Erfahrung.

Das klingt ja wirklich recht entspannt. Welche Stadt hat dich bis jetzt am meisten beindruckt und warum?

Hmm, das ist schwierig. Ich tendiere dazu, von vielen Städten beeindruckt zu sein(lacht)! Wirklich, Städte sind sehr, sehr interessant für mich. Du kannst die Stadt wörtlich spüren und riechen. Es gibt viele interessante deutsche Städte, die ich wirklich mag: zum Beispiel Berlin, Hamburg, Köln. Aber ich hatte mal das Glück für eine Weile in Reyjkavik zu sein und es war fantastisch. Island ist auch ganz besonders und hat sogar weniger Menschen insgesamt als unsere kleine Hauptstadt Ljubljana, aber trotzdem ist die Stimmung fantastisch, zumindest so wie ich es erlebt habe. Viel Raum, “soft urbanism“ – keine hohen Bauten, viel Natur, Menschen, die sehr begeistert von verschieden Kunstformen sind. Total mein Ding.

Ich mag London. Das ist die einzige Stadt in der ich mich bisher noch nicht verlaufen habe (lacht). Und wo wir grad bei Städten und Reisen sind: Was war der bisher lustigste Tourmoment und was war ein absoluter Albtraum?

Wenn wir über trockenen Humor sprechen, dann wahrscheinlich, als die „All“-Crew laut angefangen zu lachen, als ich begann, den „A-A-A-A“-Intro-Teil von Stereo MCs Lied „Connected“ zu murmeln. Es kam aus dem Nichts, Mark Hockings, Rich und der Rest der Crew stimmten mit ein und wir alle sangen diesen Part wirklich laut im Bus und lachten, es war sehr lustig, weil es so spontan war. Aber andererseits, ein Albtraum war ein Konzert in Kroatien: Als wir im Konzertsaal ankamen, fanden wir heraus, dass die Hälfte unseres Equipments fehlte und das macht es sehr schwer für uns zu performen und es war absolut scheiße. Ich hatte eine Hand auf dem Keyboard und die andere auf dem Mischpult auf der Bühne. Nach dem Konzert saßen wir mindestens eine halbe Stunde fassungslos im Dunkeln. Aber das ist eine Weile her.

Manche schreiben Musik, wenn sie allein sind, manche brauchen besondere Orte. Wie wird Toruls Musik gemacht?

Wenn ich allein bin (lacht).Nun ja, das stimmt. Ich arbeite meistens allein, nüchtern, hochkonzentriert. Ich kiffe nicht, das würde mich aus dem Gleichgewicht bringen. Es gibt Etappen, wo wir zusammen die Arbeit an einem Song fortsetzen, aber der Kern des Songs und manchmal auch mehr müssen solide sein, bevor ich sie Jan und Borut vorstelle. Die Tageszeit spielt keine Rolle mehr, das Thema Ablenkungen aber schon. Wenn es keine Ablenkung gibt, ist die Chance größer, dass ich etwas Konkretes auch zu Ende mache.

Mir ist aufgefallen, dass viele Musiker in der Electro-Szene in verschiedenen Bands spielen. Wir haben letztens darüber gespaßt, dass “Drei Musiker in insgesamt 12 Bands spielen“. Wie kommt das?

Ich weiß es nicht, ich bin nicht dafür oder dagegen – es kommt auf die Person an, manche können ihren Fokus total verteilt haben, ohne dass die Projekte gut sind, aber wieder andere haben Erfolg damit. Zum Beispiel, Mike Patton hat oder hatte 3 Millionen verschiedene Bands und die meisten waren kein Müll, im Gegenteil, viele von ihnen waren brillant.

Ist es eine gute oder schlechte Sache, in mehr als einer Band zu spielen? Was glaubst du?

Wie ich gesagt habe, ich glaube, es kommt auf die Person an. Wenn du diese Art von Fokus haben kannst, dann ist das gut! Wenn beide Bands unter deiner aufgeteilten Aufmerksamkeit leiden, dann ist es das nicht. Wenn eine darunter leidet, wir sie darunter zerbrechen.

Manche Musiker haben sehr sensible Seelen und sind oftmals introvertiert, bevor sie auf die Bühne gehen. Wer ist der Introvertierte in eurer Band und wer ist unglaublich aufgeschloßen?

Ich würde sagen, dass Borut ziemlich aufgeschlossen ist, manchmal sogar zu sehr, er ist ein totaler Menschenfreund. Ich würde sagen, dass Jan und ich mehr zurückhaltend sind, aber wahrscheinlich nicht wirklich introvertiert. Es ist mehr eine Mischung von Extrovertiertheit und Introvertiertheit, die von der Situation abhängig ist – wir können alle sehr redselig und lustig sein, wenn es uns gut geht, aber wir können auch privat sein, wenn es keine Wohligkeit gibt. Ich kann von mir sagen, dass ich früher weniger introvertiert gegenüber neuen Leuten war als ich es heute bin. Die meisten Menschen sind irgendwie komisch.

Bei der Aussage, dass Menschen irgendwie komisch sind, gehe ich voll mit. Sag mal, warum schreiben Musiker in der Electro-Szene meistens über Liebe?

Hm, es gibt Liebe, es gibt Hass, es gibt Aktivismus, alte Märchen… am Ende des Tages gibt es nicht mehr viele Themen, die darauf warten, aufgegriffen zu werden. Sie schreiben über Dinge, die ihnen nahe stehen, jeder ist mal verletzt und möchte das ausdrücken, und jeder ist mal verliebt. Aber es gibt ein Problem mit solchen Texten, da sie schnell zum Klischee werden. Also ist es eine gute Idee, deine Liebesgeschichte in einen spezifischen Kontext einzubetten, eine Umgebung, um sie interessanter zu machen. Ich finde das wichtig. Aber die Mainstream Popmusik tendiert dazu wirklich kitschige Sachen zu produzieren – sehr einfache, zuckerüberzogene Texte, die Einfachheit scheint den Wert zu bestimmen. Mir ist das egal. Nicht jede Musik ist für ernste, intellektuelle Menschen bestimmt, die wirklich jeden Text als lasch und dumm betrachten können. Derjenige, der behauptet, dass Texte allgemein wichtig in der Popmusik sind, liegt falsch. Das ganze Lied, das ganze Paket, ist wichtig. Es ist sehr gut, wenn manche Hörer sich mit einer eingängigen, kitschigen Zeile zufrieden geben! Warum nicht? Es ist Pop. Ich versuche natürlich, das Beste aus allem rauszuholen. Ich persönlich verbringe einige Zeit an den Texten, ich öffne mich und erkunde. Auch wenn die Texte teilweise Fiktion sind, ist es üblicherweise mein Ziel, die richtige Stimmung zu erzeugen, Welten zusammenzubringen, und nicht um über einige Geschehnisse aus meinem Leben zu berichten. Das bin nicht ich.

Und wie wird Liebe definiert? Was würdest du sagen?

Schwierig! Hmmmm…. Ich finde, dass Liebe etwas ist, was sich richtig anfühlt. Wirklich richtig. Wenn du Wärme für jemanden empfindest. Oder einfach die Person zu hören, einfach alles. Und die Person, ohne die du nicht sein willst. Und diejenige, die du oft aufregend findest. So etwas Ähnliches ist das meiner Meinung nach.

Interessante Beschreibung. Was ist für dich das schönste Liebeslied, das du kennst?

Nun ja, ich bin hier etwas voreingenommen. Der Song, der so viel auf einmal für mich verändert hat., der so viele neue Gefühle in mir erzeugt hat, als ich sehr jung war, so 13, war “The Plainsong“ von The Cure. Ich liebe auch “Love will tear us apart“ von Joy Division, aber es ist fast ein Klischee – weil jeder das tut. Aber nicht jeder, der etwas von The Cure kennt, kennt “Plainsong“.

Es gibt keine Kunst ohne Leid. Stimmst du dem zu.
Ja.

Jetzt mal weg von Liebe und Introvertiertheit: Es gibt stressige Situationen in jeder Band. Wie geht ihr mit Diskussionen innerhalb der Band um?

Manchmal ist es schwer. Natürlich. Es gibt viel zu tun und oft fehlt es an Zeit. Wir streiten uns manchmal wegen Missverständnissen, meistens Dummheiten, aber trotzdem atmen wir irgendwie zusammen, trotz unserer Unterschiede. Ich finde, dass Unterschiede eine gute Sache sind! Wenn mal etwas zu glatt läuft, muss etwas falsch sein – oder jemand ist zu faul (lacht)!

Wenn du zurück in der Zeit reisen könntest, zu welchem Moment in deinem Leben würdest du gerne zurückkehren?

Es ist wahrscheinlich ein Klischee, aber ich glaube, ich würde die 80er aufleben lassen, ein wenig älter, Skateboarden in Kalifornien, in einer Post Punk oder New Wave Band oder Jazz in einem verrauchten Club spielen (lacht). Ich bin kein großer Fan von all dem Kitsch und der Extravaganz der 80er, aber irgendetwas hat sich damals richtig angefühlt. Außerdem lag noch immer so eine Naivität in der Luft. Die Zukunft sah nicht so dunkel wie heutzutage aus, glaube ich, trotz Kaltem Krieg und verschiedenen Krisen. Ich glaube nicht, dass ich viel weiter als das zurückgehen wollen würde. Es gab so viel Instabilität die ganze Zeit, Kriege, Ungleichheiten, Rassismus, Sklavenhandel, ich würde den wenigen Sachen, die irgendwie Spaß bereiteten, nachgehen und kreativ sein.

Wie viel deiner Vergangenheit würdest du gerne verändern? Sei ehrlich!

Ich will echt nicht darauf eingehen. Ich würde gerne nichts sagen, aber ich bin mir nicht so sicher. Zum Beispiel hatte ich einige “langsame Zeiten“ während meines Studiums, ich war ein guter Student und so, aber ich habe plötzlich während meiner Diplomarbeit aufgehört und bin für 10 Jahre stehengeblieben! Ich wünschte ich wäre etwas aktiver in manchen Bereichen gewesen.

Die letzte Frage für heute: Was ist der schönste Ort in Slowenien? Gib uns paar Reisetipps.

Es ist ziemlich einfach: in Slowenien gibt es überall, wo du hingehst, etwas zu sehen. Von Ljubljana, der Hauptstadt, kommst du innerhalb 20 Minuten zu einem Skiort, in die Alpen innerhalb einer Stunde, aber auch zum Meer ist es nur eine Stunde hin. Alles ist also praktisch 100km von dir entfernt. Es gibt viel grüne, natürliche Schönheit. Du solltest einige tolle traditionelle Restaurants besuchen. In Ljubljana gibt es einen interessanten Fleck namens Metelkova Mesto mit ungefähr 7 Clubs, ein kleines Plätzchen, welches von der Armee vor Jahren verlassen wurde und nun voll urban-künstlerischem Nachtleben steckt.

Vielen lieben Dank für das Interview und macht einfach weiter so!

 

 

Mehr Informationen zur Band gibt es hier.

Wer ein bisschen in das neue Album reinhören möchte, kann das hiermit tun:

 Josie Leopold
Ich bin die kleine Schnatterschnute vom Dienst: bunt, glitzernd, voller verrückter Ideen. Wenn ich nicht gerade Interviews führe, Beiträge verfasse oder versuche Wordpress davon zu überzeugen doch bitte nett mit mir zu sein, versuche ich die Welt ein bisschen besser und bunter zu machen.

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Kommentar

  1. Demian
    1
    1.4.2015 - 10:18 Uhr

    Ein schönes Interview und ein sympathischer Gesprächspartner. Torul kenne ich bislang nur vom Namen her. Jetzt werde ich mal in ein paar Lieder reinhören.