Erk Aicrag
Foto: Mandy Privenau (www.facebook.com/Picturesoflife.Privenau)
Erk Aicrag Foto: Mandy Privenau (www.facebook.com/Picturesoflife.Privenau)

Viele kennen Erk Aicrag nur in Verbindung mit seinem Cousin Racso und unter dem Bandnamen „Hocico“, wo die beiden seit über 20 Jahren gemeinsam Musik machen. Dass Erk sich mit „Rabia Sorda“ ein interessantes und kreatives Nebenprojekt geschaffen hat, ist wohl nur eingefleischten Electrofans bekannt. Und weil man gerade im Bereich des Harsh-Electro kaum an Wirbelwind Erk vorbei kommt, eine neue Hocico-Europatournee ins Haus steht und es ohnehin lange überfällig ist, sich den aus Mexiko stammenden Musiker zum Interview zu schnappen, haben wir selbiges getan. Wir haben mit Erk über das Musikbusiness, Lebenszufriedenheit und die ihm innewohnende Wut über verschiedenste Dinge gesprochen.

Hallo Erk, wie geht es dir? Es ist jetzt über ein Jahr her, seitdem du mit Rabia Sorda das Album ‚Hotel Suicide‘ released hast. Was ist denn in dieser Zeitspanne so in deinem Leben passiert?

Es sind ziemlich viele gute Dinge passiert. Es war ein wirklich gutes Jahr im privaten Bereich, eigentlich ein Jahr voller positiver Überraschungen. Ich habe die Zeit hauptsächlich damit verbracht, durch die USA, Europa, Zentral- und Südamerika zu touren und konnte lustige aber auch düstere Erinnerungen bei all diesen Reisen sammeln.

Klingt nach einem aufregenden Jahr. Als ich ‚Hotel Suicide‘ das erste Mal gehört habe, dachte ich, dass es der pefekte Soundtrack sei, um in einer kalten Novembernacht durch den Wald zu spazieren. Mir hat es also gefallen. Es wird aber sicher auch Gegenstimmen gegeben haben, oder?

Also eigentlich habe ich nur positive Dinge über ‚Hotel Suicide‘ gelesen. Ich bin wirklich stolz auf dieses Album.

Hand aufs Herz, Kritik gibt es trotzdem immer und überall. Wie gehst du damit um?

Das beeinflusst mich eher weniger, weil es meistens von Menschen mit schlechten Absichten kommt. Ich höre mir an, was ein Freund über mich und meine Musik zu sagen hat, aber ich werde immer tun, was ich tun will. Ich würde heute nicht das tun, was ich tue, wenn ich zu viel Gewicht auf die Kritik anderer gelegt hätte.

Da muss ich dir recht geben. Ich gebe ehrlich zu, als ich Hocico das erste Mal im Jahr 2006 gehört habe, saß ich in einem ranzigen, alten Opel und mein damaliger Freund hatte einige Kassetten mit deiner Musik drauf. Ich saß die ganze Zeit in dem Auto und dachte mir „Ok, die Melodien sind ja ganz nett, aber was zur Hölle schreit der Kerl da?!“ Meine Meinung hat sich dann zwei Jahre später geändert als ich Hocico live gesehen habe. Da ging mir dann eher „Wie kann der Kerl bitte die ganze Zeit so voller Energie rumspringen?“ durch den Kopf. Also jetzt erklär mir mal bitte wie du das machst: Die ganze Zeit so energiegeladen auf der Bühne rumspringen, dabei singen und nicht für eine Sekunde erschöpft aussehen?

Das ist Magie. Schwarze Magie. (lacht)

Warum hast du überhaupt angefangen Musik zu machen? War das eher so ein „Oh, ich will’s mal versuchen und mal gucken, was dabei raus kommt“ oder ein „Ok, ich werde jetzt Musiker“?

Es war definitiv eher ein Versuch und lief eher nach dem Motto “ Kann ich das wirklich?“. Dann habe ich herausgefunden, dass es mir viel Spaß macht und habe einfach weitergemacht.

Ist Musik heute ein Hobby für dich oder kannst du davon leben?

Ich bin einer der Glücklichen, die davon leben können.

Und was ist jetzt das Beste daran, Musiker zu sein?

Es ist ein Vergnügen anderen Freude zu machen. Man kann reisen und neue Leute aus allen möglichen Kulturen kennenlernen. Ich genieße das wirklich, weil es meine Sicht auf die Menschen und das Leben erweitert.

Kannst du dir heute ein Leben ohne Musik überhaupt noch vorstellen? Welchen Stellenwert hat sie für dich und könntest du komplett ohne Musik und Musik machen leben?

Musik bedeutet mir sehr viel. Früher dachte ich Musik wäre „alles“ in meinem Leben, weil das irgendwie das einzige war, wo ich einfach ich selbst sein konnte. Heute habe ich verstanden, dass es eher eine Tür ist, die zu anderen Türen führt und diese öffnet und das macht mich sehr glücklich. Ich könnte wohl ohne Musik leben, aber mein Leben wäre dann schrecklich.

Es gibt ja dieses Sprichwort “ Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“. Ich denke, das ist sehr passend. Manche Musiker haben ja ein bestimmtes Ritual bevor sie auf die Bühne gehen. Die einen meditieren, die anderen trinken noch einen Schnaps und wieder andere machen ein paar Liegestütze. Was machst du, bevor du auf die Bühne gehst?

Mein Ritual sind eher ein paar Minuten der Stille in einer Ecke.

Du hast so viele Konzerte mit Hocico und Rabia Sorda gespielt – was war denn der bisher beeindruckendste Tourmoment?

Es sind ja viele gute Dinge in den ganzen Jahren passiert. Da gibt es diese eine Sache an die Racso und ich uns immer erinnern werden: Wir haben auf dem WGT 2002 „Forgotten Tears“ gespielt und auf einmal fing das Publikum an zu klatschen. Zuerst wussten Racso und ich gar nicht was los ist und haben gar nicht verstanden, was da los war. Das kam so unerwartet. Nach der Show war uns klar, dass wir einen Hit hatten.

Ich gebe es ja ungern zu, aber wann auch immer ich dich sehe, switche ich in den Modus einer glücklichen Fünfjährigen, möchte freudig in die Hände klatschen und dich umarmen. Du hast so eine positive und freundliche Gesamtausstrahlung. Ich weiß auch nicht warum. Ich meine, du bist ja wirklich super-evil auf der Bühne und ich zerstöre jetzt wahrscheinlich das jahrelang aufgebaute und gepflegte Image des „bösen Erk“ (lacht), aber du bist einfach so ein netter Mensch. Wo liegt denn jetzt eigentlich der Unterschied zwischen Erk auf der Bühne und Erk jenseits der Bühne?

Ich freue mich ja, dass ich so einen Effekt auf dich habe, aber ich muss dich jetzt enttäuschen –  ich bin einer von den ganz, ganz bösen Jungs (lacht). Erk ist ein Charakter und es hat mich einige Zeit gekostet das zu realisieren, weil es eine Zeit gab in der er in meinem Leben sehr präsent war. Erk war sozusagen jeden Tag anwesend. Ich habe aber gelernt ihn zu zähmen in all den Jahren. Er lebt auf der Bühne weiter und dann sage ich ihm „Auf Wiedersehen“ bis ich ihn wieder brauche um etwas zu erschaffen oder weil das nächste Konzert ansteht.

Ein bisschen „Erk“ steckt wohl in jedem von uns, nur die wenigsten gewähren ihrem persönlichen „Erk“ dann auch Ausgang oder Freiraum. Was macht dich denn eigentlich so richtig wütend?

Die Mischung aus Ignoranz und Macht.

Wenn du jetzt eine Sache in der Welt ändern könntest – und ich weiß, dass eine Sache ziemlich wenig ist – was würde das sein?

Ich würde dieses Konzept von Ländern und Ländergrenzen aus den Köpfen der Menschen löschen. Wenn wir alle die Welt als unser Zuhause ansehen würden, wäre sie ein besserer Platz für alle Leute.

Was nervt denn am meisten auf diesem Planeten?

Habgier… und die Tatsache, dass wir nicht einfach in die nächste Galaxie umziehen können.

Wenn du Gott treffen könntest – wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass Gott existiert – was würdest du ihm oder ihr sagen?

Die Idee von Gott ist ja von Kultur zu Kultur unterschiedlich und manchmal auch von Person zu Person. Ich würde „meinem Gott“ irgendwas in Richtung “ Nimms leicht, Bro. Lass uns ein paar Drinks und ein bisschen Spaß zusammen haben“ sagen. Ich bin mir sicher, dass er Spaß daran hätte mal ein bisschen Mist zu bauen und dass er danach ein besserer Gott wäre.

Hast du einen Rat für die Leute da draußen?

Ja. Mach dein Ding und folge keinem Rat.

Jeder macht mal Fehler, aber was ich von dir wissen möchte ist: Was war die beste Entscheidung, die du bisher getroffen hast?

Jede kleine oder große Entscheidung hat einen Einfluss auf dein Leben… Ich kann jetzt keine benennen, die ich als die beste in meinem Leben bezeichnen würde.

Wie kam es eigentlich dazu, dass du von Mexiko nach Deutschland gezogen bist? Und wie lange wohnst du schon hier? Viele Leute denken ja immer noch, dass du in Mexiko wohnst…

Der Hauptgrund weshalb ich vor 10 Jahren nach Deutschland gegangen bin, war die Liebe. Ich habe ein wundervolles Mädchen kennengelernt und später habe ich mich dann in die Leute und die Kultur verliebt.

Jetzt haben wir so viel über Musik geredet… Kannst du mir mal deine Top-3-Songs aller Zeiten nennen und warum es gerade diese Lieder sind?

Das ist fast unmöglich. Drei Lieder sind einfach zu wenig. Aber ich kann dir die drei Lieder sagen, die gerade in meinem Kopf auftauchen, wenn ich gerade über Lieblingslieder nachdenke.

Here Today – The Chameleons

Redemption Song – Bob Marley

Matenme por que me Muero – Los Caifanes

Schon wieder spanisch. Wie in so vielen deiner Liedern. Google-Translator ist mir da immer keine Hilfe. Wo sind jetzt meine privaten Spanischstunden mit dir am Nachmittag? (lacht)

Wann immer du möchtest, Chica, solo llama al 666 666 666 (lacht).

Bevor wir jetzt Schluss machen mit dem Interview, verrat mir doch mal, was die bisher schlimmsten Interviewfragen in deiner Karriere waren. Welche kannst du echt nicht mehr hören? Beantwortest du sie trotzdem?

Die schlimmste Frage ist immer “ Kannst du dich bitte unseren Lesern vorstellen….“. Das fragen immer die faulen Interviewer. Manchmal mag ich aber auch solche Fragen, dann kann ich mich drüber lustig machen, indem ich irgendwas in Richtung “ Ich bin ein Reggae-Sänger aus Sibirien“ antworte. (lacht)

Letzte Frage für heute: Bist du eine glückliche Person und zufrieden mit deinem Leben?

Ja das bin ich. Ich bin ein glücklicher Kerl. Ich bin umgeben von Menschen, die mich lieben und die ich liebe. Und das ist meine größte Freude. Das Leben ist toll und ich bin verliebt in dessen dunkle Seite.

 

Wer jetzt noch nicht genug von Erk, Hocico und Rabia Sorda hat, der kann sich hier das Video zur aktuellen Rabia Sorda- Single „Obey me!“ ansehen:

www.hocico.com

www.facebook.com/hocicoofficial

www.rabiasorda.com

www.facebook.com/rabiasordaofficial

 

 Josie Leopold
Ich bin die kleine Schnatterschnute vom Dienst: bunt, glitzernd, voller verrückter Ideen. Wenn ich nicht gerade Interviews führe, Beiträge verfasse oder versuche Wordpress davon zu überzeugen doch bitte nett mit mir zu sein, versuche ich die Welt ein bisschen besser und bunter zu machen.

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