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Heute widmen wir uns vier Albumperlen vom Ende des ersten Halbjahres. Die also schon auf dem Markt auf Abholung warten, die aber allesamt dermaßen hörenswert sind, dass wir unbedingt noch darauf hinweisen möchten.

Den sympathischen Tim Simenon kennt natürlich jeder Depeche-Mode-Fan. Der Freund der Band und Produzent von „Ultra“ hat mit seinem musikalischen Partner Tim Conboy ein neues Album als Bomb The Bass aufgenommen und für „In The Sun“ zusätzlich – als ob die Verbindungen zu „unserer“ Band noch deutlicher werden müssten – Christian Eigner ans Schlagzeug gebeten.

Das neue Album reiht sich dabei recht nahtlos in die jüngere Bandgeschichte (ab 2008) ein. Der Weg von „Future Chaos“ und „Back To Light“ wird weiter beschritten. Es gibt dieses Mal keine weiteren Gäste und auch keine wilden Ausschläge im Sound. Kein großes Sampling, wenig Hip-Hop-Einflüsse. Stattdessen entspannte und gekonnte Elektronik, eher trip-hoppige Sounds, warmer Gesang von Conboy und prägnante, präzise Schlagzeugarbeit von Eigner.

Letzterer hat live mittlerweile so oft „I Feel You“ gespielt, dass man das sogar aus dem starken „Wandering Star“ heraushören kann (Oder nicht, was meinen die Leser?). Weitere Höhepunkte sind das stimmungsvolle „Time Falls Apart“ mit seinen überraschenden Bläsersounds und das fast mantra-artige „We Are All Lost“. Man muss zwar zugeben, dass das hier keine neuen Maßstäbe setzt, aber da klagen wir auf hohem Niveau, denn ansonsten ist Simenon & Co. einfach wieder ein sehr angenehmes Album gelungen. – 7,5 von 10 Acidstickern





Bis eben waren vor allem die Songtitel düster. Mit dem neuen Werk von Boards Of Canada sieht es aber generell dunkel aus für die Zukunft der Menschheit. Daran lässt „Tomorrow’s Harvest“, das erste Album der Schotten nach fast acht Jahren, wenig Zweifel. Hier darf und soll man sich wie einem Endzeitfilm, bevorzugt aus der besten Phase solcher Filme (also den 70er Jahren), fühlen.

Die Brüder Michael und Marcus Eoin Sandison haben sich viel Zeit für ihr neues Szenario genommen, und der Hörer sollte das mit diesem Album genauso halten. Reichlich eine Stunde, 17 Tracks – also in Ruhe hinsetzen (oder -legen), am besten mittels Kopfhörer die Umwelt ausblenden und eintauchen in die Soundwelten dieser für so manchen elektronisch musizierenden Künstler als wegweisend geltenden Band.

Die Stücke fließen ineinander, man muss dieses Album definitiv im Gesamten betrachten. Hier schabt ein Sound, da weht eine Soundfläche durch die Science-Fiction-Geschichte, die sich jeder selbst dazu ausmalen darf. Alte, nein, zeitlose Synthesizer geben klagende Töne von sich… und bei aller John-Carpenter-Soylent-Green-Logan’s-Run-Atmosphäre muss man sich beim Hören keineswegs deprimiert fühlen, nein man kann einfach die große Kunst dieser Band genießen. Scheiß‘ doch auf die miese Zukunft! – 8,5 von 10 Klapperschlangen





Von Boards Of Canada zu Lamb ist der Weg nicht weit. Deren Soundmagier Andy Barlow ist nun ohne die Stimme von Lou Rhodes unterwegs und hat als Lowb sein erstes Soloalbum aufgenommen (welches wohl schon 2011 fertig war, woran die verspätete Veröffentlichung liegt, wer weiß…). Und auch Bomb The Bass sind gar nicht weit weg, denn „Leap And The Net Will Appear“ weist ebenfalls eine Menge Trip-Hop-Elemente auf.

Auch hier wird ein dichter Soundteppich gewoben, in dem der Hörer sich hypnoseartig verlieren kann. Gerade in den herrlichen Sounds der ersten beiden Tracks „Wheeler Dealer Healer“ und „Lowb“. Ein Stück später stellt man dann aber fest, dass Barlow keineswegs dem Pop abgeschworen hat, der ja bei Lamb auch immer seine Momente hatte. Die „Everybody“-Robotervocals deuten es an und kurz darauf (bei „Consecration“, feat. Jay Leighton) bestätigt es sich: Hier gibt es sogar ab und zu Gesang.

Die anderen beiden Vokalbeiträge liefert Carrie Tree, die von der Stimmfarbe gar nicht so weit weg von Lou Rhodes ist, allerdings gesanglich nicht an diese heranreicht. Auch deswegen sind die instrumentalen Stücke auf dem Album tatsächlich die stärkeren, wie das melancholische „Digital Stoneage“ mit seinen großartigen Sounds eindrucksvoll beweist. Insgesamt letztendlich ein Album mit leichten Qualitätsschwankungen, zwischen Weltklasse und „ganz okay“. – 7,5 von 10 digitalen Lämmern

LOWB – Inward Outburst (Official Music Video) from Distiller Records on Vimeo.




Nach all diesen alten Hasen zum Schluss nun zwei hochbegabte Newcomer. Jono Ma und Gabriel Winterfield nennen sich Jagwar Ma, und ihr Debüt „Howlin“ hat das Zeug, die beste Madchester-Rave-Platte zu werden, die gar nicht aus Manchester, ja nicht mal aus Großbritannien kommt. Nein, die beiden stammen vom ganz anderen Ende des Commonwealth, nämlich aus Sydney, Australien.

Der NME nennt das Ganze „Guitar-Dance“ und hat bei aller (berechtigten) Hype-Schnappatmung im Grunde Recht damit. Die Burschen umweben ihre Songs mit Psychedelik-Schwaden, lassen alte Drummaschinen Retro-Beats klopfen, den Bass stoische Basslinien vor sich hin brummen, die Gitarren markante Tupfer setzen und dazu die 808 und andere elektronische Gerätschaften ihre flackernden Töne ins euphorisierte Publikum schleudern.

Dazu gesellt sich einiges Talent im Songwriting (kein Wunder, dass Noel Gallagher Fan ist), so dass sich so einiges an Singlematerial findet. Vom lässig groovenden „Uncertainty“ geht es über das Primal-Scream-ige „The Throw“ zu den Beach-Boys-Harmonien von „That Loneliness“ in wenigen Schritten. Hier wird ohne Scheu ein Dancebrett wie „Four“ neben einen Gitarrenhit wie „Let Her Go“ gestellt und ein Hit wie „Man I Need“ direkt nachgeschoben. Kurzum, ein Klassedebüt von vorne bis hinten! – 9 von 10 verdächtig bunten Pillen

P.S. Jagwar Ma spielen beim First We Take Berlin Showcase Festival am 04.09.!





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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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