iamx_kingdomWer ist sie, diese schwarz-weiß gewandete Gestalt, die da vorn wie ein Derwisch über die Bühne fegt und mit kühlen, doch zugleich höchst emotionalen, elektronischen Klängen das Publikum fesselt? Chris Corner heißt der Harlekin, der unterhalten will und zugleich dämonische Züge trägt, der längst kein Sneaker Pimp mehr ist und uns zum dritten Mal in sein eigenes Königreich entführt, das Königreich der erwünschten Abhängigkeit.

Wir haben dieses Reich schon besucht, beim ersten Mal forderte er uns unumwunden auf: „Kiss And Swallow“, beim zweiten Mal zeigte er uns „The Alternative“. Doch dieses Mal geht es ums großes Ganze. Höflich wie er ist, achtet er bei der Begrüßung auf die „Nature Of Inviting“, wobei er jedoch gleich seine beiden Gesichter zeigt: „I love you, I hate you“. Doch die düster-rhythmischen Klänge, die uns aus seinem magischen Land entgegen schallen, lassen uns keine Wahl. Und da breitet es sich schon vor uns aus, das „Kingdom Of Welcome Addiction“, in dem Keyboards gleich neben Gitarren wachsen. „It’s time for you to stay a while“ flötet der Verführer in unser Ohr, um mit einem Flüstern später „If you chose life, you know what the fear is like“ zu ergänzen. Uns schaudert leicht, doch die Wave hat uns erfasst.

Eine Gruppe Trommler marschiert vorbei, wir folgen ihr. Nanu, wohin geht es hinter dieser Ecke? In den „Tear Garden“? Dunkle Hecken, hinter denen der berüchtigte Pianospieler sein Unwesen treibt. „I’ll break you with a tender touch“ ruft er aus. Wir haben uns verlaufen, wir haben Angst, doch dieses seltsame Hochgefühl bleibt. Durch einen Busch greift eine zarte Frauenhand nach uns, zieht uns hinterher. Eine schöne Frau steht vor uns, nennt sich Imogen Heap (aber der Harlekin, der irgendwie immer schon vor uns da zu sein scheint, ruft sie Frou Frou). Sind wir sicher bei ihr? „My Secret Friend“ nennt sie uns und fordert uns auf, ihr zum Fluss zu folgen. „We can swim forever… in your skin, to die a little death“. Man ist doch nirgends sicher in diesem Leben. Raus hier, die will an unsere Haut! „An I For An I“ ruft der Harlekin uns nach und seine nun hohe und aggressive Stimme betont „If you’re not with us you’re against us“.

Ah, endlich eine ruhige Stelle. Eine sanfte Melodie fließt vorbei, eine Stimme fleht uns an: „I Am Terrified, I think to much, I get emotional when I drink to much“. Wir nicken, kennen wir, geht uns oft ähnlich. Aber ach, die Stimme stammt schon wieder vom Harlekin. Und im Hintergrund schlägt der Pianomann wieder auf sein Klavier ein. „I just can’t Think Of England, can’t see the picture“ klagt der Harlekin ein Lied aus seiner alten Heimat. Er zeigt uns die Ruine einer gotischen Kirche, murmelt „God is dead“ und erzählt von der Verkommenheit einer Zivilisation und kranker Kriegstreiberei: „The Stupid, The Proud, they blow our houses down“.

Doch er wäre nicht der Harlekin, könnte er nicht plötzlich das Tempo und die Stimmung wechseln. Er winkt eine Geigerin herbei und stimmt eine mitreißende Melodie an. „You Can Be Happy“ ruft er uns lachend zu. Nur, um uns kurze Zeit später zu einem eigentümlichen Ding zu geleiten. Aussehend wie ein altes maritimes Wrack, aber komplett überwachsen und irgendwie… organisch, lebendig. „The Great Shipwreck Of Life“ nennt er es. „Stay with me, I’ll be Peter Pan and you just be pretty“ bittet er uns und da wissen, ja fühlen wir: Wir sollten langsam zurückkehren in unsere Welt.

Da öffnet es sich schon, das Tor zur Realität, die wir immer wieder gern verlassen, in die wir aber auch immer wieder zurück müssen. Doch heute verschwimmt das Tor irgendwie zusehends, wir sollten uns beeilen. „I must always run the race on my own“ singt der Harlekin traurig, doch er nickt, als wir ihn fragen, ob „Running“ jetzt für uns angebracht sei. Und so verlassen wir sein Königreich, um einige Geschichten und Träume reicher und mit dem Versprechen, uns gern bald erneut von ihm entführen zu lassen.

(Addison)

P.S. Live? Hier: 21.06. Blackfield Festival Gelsenkirchen – 26.06. Graz (A) – 24.07. St. Pölten (A) – 07.08. Bildein (A) – 08.08. Zofignen (CH) – 09.08. M’era Luna Hildesheim

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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6
Kommentare

  1. Stefan
    5
    26.6.2009 - 22:49 Uhr

    Geniales Album!!! Beim Blackfield durfte man die ganze Sache live bewundern. Und ich war sehr positiv überrascht ohne IAMX vorher zu kennen. Hat mir gleich sehr gefallen. Toller Sound und super Show!

    Unbedingt mal reinhören Leute!

  2. breitMEYER
    4
    25.6.2009 - 15:06 Uhr

    Moin test ;-)!

    Ich muß mich Peter und Andreas anschließen-
    ein MEISTERWERK!!!

    Danke,für den wertvollen Tip@DM.de

    P.S.Noch n kleiner Tip von mir:PATRICK WOLF-„The Bachelor“ ist auch sehr stark!!

    So long…

  3. Andreas
    3
    15.6.2009 - 23:55 Uhr

    für mich jetzt bereits DAS Album des Jahres. Reinhören!!!

  4. peter
    2
    13.6.2009 - 9:05 Uhr

    ein absolut geniales album

  5. testcase
    1
    13.6.2009 - 8:29 Uhr

    Im Tiergarten, achso, wo auch sonst! :)
    Hört sich ehrlichgesagt doch recht akustisch an der Titel!
    akustik bass, akustik drums, violine, klavier…
    na, ganz zum schluss kam doch noch der Sägezahn rein! :)