Ja, von wegen. Ärgernisse, so der Titel des zweiten Albums von Get Well Soon, gibt es hier überhaupt keine. Stattdessen 14 weitere Beweise für eines der größten musikalischen Talente, die Deutschland derzeit zu bieten hat.

Wie wir bereits kürzlich im Bericht zum Pre-Album-Konzertabend schrieben, hatte das Debüt “Rest Now Weary Head, You Will Get Well Soon“ vor zwei Jahren zahlreiches Lob sowohl auf Fan- als auch auf Kritikerseite eingefahren und auch international für Beachtung gesorgt. Zu deutlich war dort bereits die Fähigkeit von Mastermind Konstantin Gropper zu erkennen, komplexe Kompositionen in feine Arrangements zu kleiden.

Nun ist der Nachfolger da, und man staunt wieder mächtig gewaltig. Nach dem Debüt und diversen Arbeiten an Soundtracks soll „Vexations“ nun in einem Zeitraum von nur zwei Monaten entstanden sein? Ein solches Füllhorn an Melodien, Instrumenten (allein die diversen mitspielenden -phone…), kunstvollen Arrangements und auch konzeptionellem Tiefgang? Wie geht denn das bitteschön?

Diese Frage können wir nicht beantworten, bleiben wir daher lieber gelassen. Womit wir beim übergeordneten Thema des Albums wären, dem Stoizismus, jener historischen Philosophieform, die unter anderem durch Selbstbeherrschung nach Weisheit strebt, womöglich auch, um das Leiden der Welt leichter ertragen zu können – und Leid und Düsternis gibt es hier reichlich. Nachdem uns eine weibliche Stimme zu Waldesgezwitscher ins Album geleitet hat, dramatische Streicher mit Sartre die „Nausea“ untermalt haben (in das sich auch noch Saties titelgebende „Vexations“ mischen), begegnen wir auch gleich einem der berühmtesten Stoiker, dem alten Römer Seneca. Ob der sich allerdings hätte träumen lassen, dass er mal einem fantastischen, euphorischen Popsong wie „Seneca’s Silence“ – in dem gar ein Xylophon den Rhythmus antreibt – Pate stehen würde?

Doch wozu grübeln? Hat uns doch schon der nächste Höhepunkt erfasst. „We Are Free“ trumpft mit mächtigem Orchester und Chören auf und setzt weitere Endorphine frei. Gleich darauf kratzt im Hintergrund eine Vinylrille durch den „Red Nose Day“ (hier zum Glück ohne Pro-Sieben-Deppen), und im Hintergrund tupft eine Operndiva markante Farbtöne in eines dieser wunderschön-traurigen Stücke, wie es hier noch mehrere geben wird. Nach vier Liedern ist man schon völlig geplättet, doch dann kommt ja erst die erste Single – „5 Steps/7 Swords“, meisterhaft zwischen Bläserbombast und Flüstertönen oszillierend.

Ja, und so geht die zitat- und verweisreiche Reise weiter, man hört „A Voice In The Louvre“ (mit reizenden Glöckchen), das auch Arcade Fire nicht besser hinbekommen hätten, fragt sich, was „Werner Herzog Gets Shot“ (welches eigentlich eine Hommage an jenen bzw. an den Künstler an sich ist) doch für ein seltsamer Songtitel sein mag, freut sich über den Strahl Humor, der (Hu-Hu-Hu…) „We Are Ghosts“ im Refrain aus der mitunter doch leicht depressiven Stimmung hebt, nur um gleich darauf „A Burial At Sea“ beizuwohnen, lebe wohl, Moby Dick! Kurz vorm ehrwürdigen Finale im römischen Reich gibt es noch die überraschend lockere Single „Angry Young Man“, und dann braucht man erst mal frische Luft.

Nach dem Durchatmen und nach dem Wiederhören (und Wiederhören und Wiederhören) muss konstatiert werden: Ein früher Höhepunkt des Musikjahres 2010, ein Meisterstück, an dem sich noch viele werden messen lassen müssen. Album des Monats!

(Addison)

P.S. Live hier: 19.02. Luzern -20.02. Innsbruck – 21.02. Salzburg – 22.02. Graz – 23.02. München – 25.02. Dresden – 26.02. Köln – 27.02. Haldern – 28.02. Hannover – 02.03. Frankfurt – 03.03. Leipzig – 04.03. Hamburg – 20.03. Mannheim – 27.03. Bremen – 29.03. Aarau – 07.05. Berlin – 08.05. Dortmund (außerdem in NL, UK, BEL, F, DK, SWE, NOR, ITA)

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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