Letztens während einer Autofahrt durch die atemberaubend dramatische Szenerie der schottischen Highlands. Eine deutschsprachige Platte in den Player legen? Komische Idee. Doch dann das: Der Nebel, der dem sonnig-wolkigen Wechsel-Wetter noch fehlte, kam plötzlich aus den Lautsprechern! In musikalischer Form, versteht sich. Eine kleine Sensation, dieses Album!

Da darf man sich schon mal wundern. Fotos, diese Band, die mit ihrem jugendlich-frischen Debüt „Fotos“ 2006 das Etikett „Die deutschen Bloc Party“ angeheftet bekam und nach ein paar tollen Singles auf dem zweiten Album etwas ziellos wirkte. Das soll dieselbe Band sein, die hier das womöglich beste Shoegaze-Album vorlegt, was bisher aus unseren Landen erschienen ist? Donnerwetter, was für ein Richtungswechsel!

Porzellan“ ist ein kühler, streckenweise eiskalter Klotz, wie ihn Bauhaus in den frühen 80ern geschnitzt haben könnten. Oder später My Bloody Valentine. Um weitere Namen in den düsteren Ring zu werfen, erwähnen wir mal noch The Jesus And Mary Chain (an deren Hit „Just Like Honey“ sich der Titelsong deutlich anlehnt und von den aktuelleren Bands The Big Pink, Glasvegas oder A Place To Bury Strangers.

Minimalistische Sounds – Musterbeispiele sind hier in der Albummitte mit „Wasted“ und „Feuer“ zu finden –, stoische (oder auch mal ganz ausbleibende) Drums und Bassläufe, klare Gitarren, mal mit Effekten bearbeitet, mal schlicht akustisch („Ritt“) dazu sehr gezielt eingesetzte Keyboards – und Sänger Tom Hessler füllt die kargen, dunklen Räume mit eigenwilligen, metaphorisch-diffusen Reimen.

Dazu gibt es schlicht großartige Songs wie „Nacht“ mit Sehnsuchtsmelodie und melancholischer Gitarre (wie sie vom Klang her auch ein Herr Gore gern verwendet) oder „Mauer“, einen der druckvolleren Titel, bei dem schillernde Synthesizertupfer die Glanzlichter setzen. Auf den vernebelten Zug „On The Run“ würde sicher auch The Edge aufspringen wollen, das schmissige „Raben“ klingt schon fast fröhlich, während am Schluss noch einmal zähe Sound-„Wellen“ aus dem Album schwappen.

Manche Bands tun gut daran, ihrem Stil treu zu bleiben, manche nicht. Andere versuchen sich an neuen musikalischen Herausforderungen und entwickeln sich weiter oder scheitern. Fotos haben etwas versucht, einiges gewagt und mit „Porzellan“ einen enormen Sprung hingelegt. Wohin soll das noch führen?

(Addison)

P.S. Fotos live: 21.09. Halle, 22.09. München, 24.09. Köln, 25.09. Hamburg, 26.09. Berlin

„Porzellan“ Teaser from Fotos on Vimeo.

Fotos – Mauer (Musikvideo) from Snowhite on Vimeo.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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