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„Die automatische Weckvorrichtung der Stimmungsorgel neben seinem Bett weckte Rick Deckard mit einem kleinen Stromstoß.“ So beginnt „Blade Runner“ (Originaltitel: Do Androids Dream Of Electric Sheep?“) von Philip K. Dick. Womit wir bei einem wesentlichen Vorbild für die Atmosphäre des dritten Editors-Albums wären. Ein anderes Vorbild trägt den Titel „Violator“.

Damit ist die Katze aus dem Sack. Nicht nur, dass die Männer um Tom Smith das Meisterwerk von Depeche Mode zuletzt sehr intensiv gehört haben. Nein, „In This Light And On This Evening“ beinhaltet auch noch neun Songs in einer guten Dreiviertelstunde und wurde von Flood produziert (zudem sorgte bei über der Hälfte der Stücke Ben Hillier für den finalen Mix, womit aktuelle Bezüge ebenso gegeben sind). Hier ignoriert eine mutige Band alle Erwartungshaltungen ihrer Anhänger nach zwei Erfolgsalben, welche Vergleiche von Joy Division (Düsternis, Bassläufe) über Interpol (Gitarren, Melodien) bis – auf dem zweiten Album – hin zu Coldplay (die Hymnenhaftigkeit) nach sich zogen. Die Gitarren haben nun fast komplett Sendepause, das muss der Fan erst mal verdauen. Dafür dominieren düster glänzende Synthesizer an allen Ecken und Enden. Begleiten Sie uns auf einer Reise durch die dunkle, dunkle Nacht.

„I swear to god, I heard the earth inhale, moments before it spat its rain on me.“ So grollt die tiefe Stimme von Tom Smith im eröffnenden Titelsong. Weite Flächen, ausgemalt von Synthesizern, nächtliche Lichter einer düsteren Großstadt. Und doch eigentlich eine ernstgemeinte Liebeserklärung an London.

„When the boy’s older, he’ll have the arms of a soldier, those arms will never hold her again.“ Mit „Bricks And Mortar“ geht die Reise weiter, durch einen sechs Minuten auf die Synapsen einhämmernden Maschinenpark, aus dem sich immer wieder eine euphorische Synthesizermelodie kämpft.

„It kicks like a sleep twitch.“ Das Zucken im Schlaf kennen wir alle, kaum jemand mag es. „Papillon“ kennen mittlerweile wohl auch fast alle und fast alle mögen es. Unwiderstehlich, eine der Singles des Jahres. With a little help from songs like „Send Me An Angel“.

„You ran with the dead today, with the moles from the C.I.A..“ Paranoia, großes Thema. Beim bereits erwähnten „Blade Runner“, dessen Atmosphäre man übrigens auf diesem Album wirklich wiederfindet (hat mir eine erklärte Anhängerin des Buches/Films bestätigt) und bei „You Don’t Know Love“. Ein magischer Song, der sich beim ersten Hören fast versteckt, später aber Sogwirkung entfaltet und Gänsehaut bereitet.

„They took what once was ours.“ Es wird nicht fröhlicher, die Terminatoren sind unter uns. Das gewaltige, sich stetig steigernde „The Big Exit“ schafft es endgültig, Depeche Mode mit Joy Division zu kreuzen.

„This place is our prison, it’s cells are the bars.“ Besser kann man es kaum beschreiben. Melancholisch taumelt „The Boxer“ angeschlagen durch die nächtliche Metropole. Doch er fällt nicht.

„We gotta get friends in high places, hide behind their plastic faces.“ Ist Liebe noch gefühlt oder nur noch getestet? „Like Treasure“ ist ein Rätsel. Und ein weiterer dieser heimlichen Ohrwürmer, die man erst irgendwann später entdeckt.

„You’re chewing with an open mouth, raw meat, your blood drool attracts the flies“. Klingt wie aus „True Blood“, der besten aller Vampirserien. „Eat Raw Meat = Blood Drool“ ist der direkteste und sicher aggressivste Song des Albums, er packt zu, schlägt die Zähne in sein Opfer und lässt nicht wieder los.

„Hold your tongue, swallow your venom, you’re too young.“ Das Ende nimmt das Tempo komplett heraus. Minimalistische Elektronik und trauriges Summen begleiten die Stimme durch den wabernden Nebel. „Walk The Fleet Road“ – zurück in eine kalte Welt.

Natürlich ist „In This Light And On This Evening“ nicht das neue „Violator“. Aber für den Stempel Meisterwerk könnte es trotzdem reichen. Album des Monats, ganz klar. Album des Jahres vermutlich auch.

(Addison)

P.S. Das Album erscheint auch als Limited Edition mit fünf weiteren neuen Songs!
P.P.S. Live hier: 06.11. Weißenhäuser Strand (Rolling Stone Weekender) – 12.11. Köln – 14.11. Lausanne – 20.11. Bielefeld – 21.11. Berlin – 22.11. Dresden – 29.11. München – 30.11. Stuttgart – 01.12. Bern – 05.12. Zürich

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http://www.editorsofficial.com
http://www.myspace.com/editorsmusic

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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5
Kommentare

  1. oldspeeds
    2
    18.12.2009 - 17:05 Uhr

    Traurig, dass ITLAOTE hier allen Ernstes daran gemessen wird, wie der verbohrte Mode Fan es gegenüber Violator sieht.

    Leute, es wird Zeit für neue Musik und neue Bands.
    Und da „draussen“ gibts Mengen davon…

    Traut Euch!

    • 19.12.2009 - 9:28 Uhr

      Der Autor distanziert sich ausdrücklich davon, ein verbohrter DM-Fan zu sein. Der Autor traut sich, zu bestimmt über 90 % andere Musik als DM zu hören. Der Autor wollte in dem Artikel nur (da wir nun mal eine DM-Seite sind) einen Bezug zu einem offensichtlichen Vorbild des Editors-Albums herstellen, das übrigens in der Tat das Album des Jahres für den Autor ist (übrigens vor DM). Der Autor wünscht ansonsten Frohe Weihnachten!

  2. erasuremode
    1
    10.10.2009 - 18:52 Uhr

    Da ist es also, das dritte Album der Editors. Es ist gewöhnungsbedürftig, denn es ist anders als seine beiden Vorgänger, und leider auch das Schwächste.

    Auch das mit Flood ein Top Produzent am Werk war, macht das Album leider nicht zu einem Highlight. Von den 9 Songs sind 2-3 gute dabei, der Rest ist durchschnittliches Songmaterial. Am besten kommen Papillion und Bricks and Mortar.Dieser Song sollte unbedingt die 2. Single werden, er ist zugleich auch der stärkste Song des Albums. Wenn vom Format Papillion und Bricks and Mortar noch 3-4 weitere Songs auf dem Album zu finden wären, wäre es ein absolutes Highlight, und hätte sicherlich mehr gerissen.

    So bleibt noch das ruhige Walking on Fleet Road als bemerkenswerter Song, der Rest ist jedoch leider eher Durchschnitt. Aber konnte man wirklich mehr erwarten ? Immerhin war die Band fast pausenlos auf Tour,und auch privat recht aktiv. Unterm Strich merkt man eben auch, das somit wohl ein wenig die Zeit fehlte….

    In This Light und On This Evening hätte etwas ganz Großes werden können, aber so ist es einach nur ein weiters Album, das nicht die Qualität der beiden Vorgänger erreicht !