Max Gruber über musikalische Früherziehung, Knochentexte und allerlei Brachiales

drangsal

Berlin-Kreuzberg. Büro der Plattenfirma. Interviewter und Interviewender hocken im Interviewzimmerchen, geben sich die Kante (mit Kräutertee) und haben endlich mal keine Zeitbeschränkung. Es ist das letzte Interview eines langen Tages.

dm.de: Du bist ja derzeit sehr gefragt. Gibt es mittlerweile Fragen, die man schon fast zu oft gehört hat?

Max Gruber: Voll. Aber es gibt ja bei mir auch noch nicht so viel, worauf man informationstechnisch aufbauen kann. Daher kommen natürlich die Standardfragen: Jenny Elvers, Bandname, Songnamen, Albumname, Sound – was man so eine Band oder einen Künstler halt am Anfang so fragt. Ich finde das auch nicht schlimm. Ich hatte jetzt heute bestimmt auch in jedem Interview einmal die selbe Frage, aber es gibt Schlimmeres, oder? Du schreibst für depechemode.de, richtig? Was ist dein Lieblings-Depeche-Mode-Song, darf ich dich das fragen?

Klar. Da gibt es zwei, „In Your Room“ und „Waiting For The Night“.

Meiner ist wahrscheinlich ein bisschen offensichtlicher, das ist nämlich der von meiner Mutter: „Everything Counts“, weil ich den am häufigsten hören musste. Aber ich fand den immer super.

Und du hast keine Abneigung dagegen entwickelt?

Nein, überhaupt nicht.

Wenn man das zu Hause hören muss, als Kind, manches hasst man ja dann auch vielleicht.

Stimmt, am Anfang konnte ich mit vielem nichts anfangen. Als ich lieber Marilyn Manson gehört habe, als ganz kleines Kind. Aber es gibt ja auch einen Grund, warum die immer noch Arenen füllen. Und man muss sich, wenn man sich dem Pop öffnet, zwangsläufig irgendwann mit Depeche Mode beschäftigen. Da gibt es ja so viel, was man aufnehmen kann. Ich habe sechs Monate bei Mute als Praktikant gearbeitet, Mute, das sind für mich Neubauten, D.A.F., Boyd Rice, Depeche Mode, Fad Gadget, und dann setzt man sich mit diesen Sachen auch auseinander.

Ach, stimmt! Wir hatten sogar schon mal Kontakt per Mail damals. Mit diesem Max Gruber hatte ich dich jetzt gar nicht assoziiert.

Hallo nochmal! Und die sind auch alle so nett bei Mute und im Umfeld, Jürgen, Tina, Anne, Markus – dieses riesige unterschriebene Fad-Gadget-Poster, das da hängt, hole ich mir irgendwann noch [lacht]! So, tut mir leid, nun zu deinen Fragen.

Macht gar nix. Aber wo wir gerade schon bei der musikalischen Früherziehung eingestiegen sind: Es ist ja sehr markant, dass deine Musik, gerade für einen so jungen Künstler, doch eher ältere Wurzeln hat. Wobei sie selbst jetzt nicht oldschool ist, sie ist ja auch modern produziert. In deinem Fall, das ließ sich eben schon erkennen, waren die Einflüsse eher positiv, oder?

Auf jeden Fall. Mein Vater hatte früher eine Kneipe, und für die hat er immer Mixtapes gemacht, die liefen dann nach Kneipenschluss oder einfach so zu Hause. Und darauf waren dann D.A.F., Tuxedomoon, B52’s und so weiter. Das war immer präsent zu Hause. Fand ich natürlich, als ich lieber Marilyn Manson und GG Allin hören wollte, komplett kacke. Habe es nicht verstanden, ich hatte einfach noch nicht den Weitblick dafür. Ich musste auch mit meiner Schwester immer „Dirty Dancing“ gucken, das war ja auch so ein typischer 80er-Jahre-Film. Und dann so Patrick Swayze und „She’s Like The Wind“, iiih. Später waren The Smiths und Morrissey die Türöffner für mich. Dann ging es los, weiter zu Aztec Camera, Echo & The Bunnymen, von da an gab es keine Grenzen mehr. Auf Prefab Sprout bin ich unfassbar ausgerastet, dann Orange Juice, XTC, Hans-A-Plast, Xmal Deutschland, Depeche Mode. Ich habe das alles von Anfang bis Ende wie ein großporiger Schwamm aufgesogen. Als ich einmal gemerkt hatte, das ist der Sound, bei dem irgendetwas mit mir passiert, musste ich alles davon hören. Auch diese deutschen und NDW-Sachen – Dorau, Palais Schaumburg, Hass, ZK, Abwärts, bis hin zu Steinwolke und Spliff, Frank Zander und Ina Deter, Hubert Kah und Klaus Lage. Ich habe das alles quasi studiert.

Man hört ja auch nie damit auf.

Gerade gestern habe ich mir das Label Kitchenware Records angeguckt, wo auch Prefab Sprout und Orange Juice drauf waren. Da gibt es eine Band, die hießen Hurrah! Mit Ausrufezeichen. Geil! Natürlich höre ich auch ganz andere Sachen. Ich höre genauso gern Primus und Metallica, wie ich Prefab Sprout und The Smiths höre, aber irgendetwas passiert mit mir, wenn ich diesen bestimmten Sound höre, verhallte Drums, laute Toms, choruslastige Gitarren, Delay auf den Vocals. Da werden bei mir irgendwelche Synapsen getriggert, die total happy machen. Könnte schlimmer sein.

Allerdings. Wie findest du bei einigen dieser Genannten – wie Morrissey, Prefab Sprout oder Marilyn Manson – so deren aktuelle Entwicklung?

Wollen wir über Morrissey sprechen, weil der ein Arschloch ist?

Nicht unbedingt, aber der ist natürlich ein Musterbeispiel, weil der musikalisch und menschlich ja sehr unterschiedlich zu sein scheint.

Ich glaube ja, dass der immer schon ein Wichser war, was er aber mit spitzenmäßiger Musik ausgleichen konnte. Mittlerweile ist es so, wenn einem das zehnte Morrissey-Soloalbum nichts Neues mehr gibt, ist das verständlich, wenn man nicht so ein krankhafter Fan wie ich ist. Das ist wie bei Depeche Mode: Wenn man zehn Jahre kein DM mehr gehört hat, und hört dann „Soothe My Soul“, interessiert einen das vielleicht auch nicht so, wie wenn man Fan ist. Und bei Morrissey nimmt man dann vielleicht auch nur noch wahr: Mann, der beschwert sich ja nur die ganze Zeit! Ja, der beschwert sich tatsächlich die ganze Zeit, aber ich finde das auch amüsant. Jetzt hat er gerade diese Kollaboration mit diesem hippen, jungen Label Supreme gemacht. Hätte er das stillschweigend gemacht, hätten das alle super gefunden. Aber nein, natürlich muss er wieder sagen: „Kauft euch nicht diese Shirts, ich wollte das nie!“ Da denkt man schon: Kannst du nicht einmal die Schnauze halten, Morrissey? Und Marilyn Manson, der ist so unfassbar aufgedunsen durch den ganzen Kokain und Alkohol. Das tut weh.

Man sieht ihn ab und zu im Fernsehen, er hatte ja diverse Gastrollen in Serien. Das ist schon ein bisschen erschreckend.

Ja, Sons Of Anarchy und Californication. Da denkt man schon: Was, wer ist das? Ey, das Alter macht vor keinem Halt. Wenn du so einen Lifestyle lebst und dich auf Tour oder auch zu Hause die ganze Zeit wegballerst, musst du dich halt nicht wundern, wenn irgendwann der Backlash kommt. Ich war einfach schon immer ein Mensch, der keine Affinität zu Drogen hat. Ich glaube auch, dass die Leute, die keine oder weniger Drogen genommen haben, jetzt im Alter doch besser aussehen. Sieh dir David Byrne an, wenn man dem die Haare schwarz färbt und von etwas weiter weg guckt, sieht der immer noch aus wie bei „Stop Making Sense“. Oder Paul Simon – okay, der sieht jetzt nicht mehr so gut aus, aber der ist auch Ende 70.

Da darf man das dann auch.

Das ist okay, aber als „Graceland“ rauskam, sah der top aus und war ja auch schon nicht mehr ganz jung. Paddy McAloon von Prefab Sprout dagegen, wie der gealtert ist, das ist verrückt, weißt du, wie der mittlerweile aussieht?

Ich habe da mal ein Interview gesehen oder gelesen, als er mal kurz aus seinem Einsiedlerdasein herausgekommen ist.

Ja, der lebt wohl sehr zurückgezogen. Und wenn man den noch so als geschniegelten Eighties-Typen mit Weste kannte und plötzlich steht da so ein Typ mit schneeweißen Haaren und schneeweißem Bart, der eher wie der Weihnachtsmann aussieht. Aber es ist so traurig, dass der Tinnitus auf dem einen Ohr hat, mit dem anderen Ohr manche Frequenzen nicht mehr hören kann und fast blind ist – und trotzdem macht der noch so Alben wie „Crimson/Red“! Ich verfolge das alles mit großer Spannung. Henry Rollins bewundere ich zum Beispiel sehr, der ist ja auch drug-free und macht jede Menge Sport. Ich war letztens da, als er seine Spoken-Word-Performance gegeben hat, drei Stunden, toll. Es gibt natürlich auch Gegenbeispiele wie Dave Gahan. Der war ja nun lange heroinsüchtig, ist es jetzt nicht mehr und sieht immer noch gut aus. Wobei ich fand, in der Zeit, als er so lange Haare hatte und Kinnbart… Den 90er-Jahre-Dave finde ich angsteinflößend. Ich denke mir den halt immer noch eher so: Kaum volljährig, blondierte Haare, weiße Hose und so.

Jetzt aber doch mal zu deiner Musik. Zum Thema Brachialpop hast du ja wahrscheinlich auch schon viele Fragen heute gehört.

Überhaupt keine. Echt jetzt, keine Ironie.

Na dann darf ich ja doch. Deine eigene Wortkreation?

Ja. Ich hatte zuerst Brutepop, also die englische Variante davon, das fand ich schon sehr treffend. Dann habe ich das mal auf deutsch übersetzt und fand, wow, Brachialpop klingt ja noch geiler! [lacht] Das ist aber irgendwie auch so ein Ding von deutschen Künstlern, sich selber ein Genre zu erfinden. Die Heiterkeit nennen ihre Musik Deathpop, ich sage Brachialpop, Lary sagt Futuredeutschewelle. Ich merke, ich bin da nicht alleine. Ich störe mich auch nicht an Schubladen. Ich stimme zu, wenn das jemand unter Neue Deutsche Welle einsortieren will, genauso wie bei Postpunk, Pop, New Wave oder Indiepop. Ich habe auch schon die wirrsten Vergleiche gehört. Natürlich The Cure und Joy Division, aber auch Kraftwerk, wo ich mich schon gewundert habe. Und dann sagte jemand, ich klinge wie eine Mischung aus Bloc Party und den Toten Hosen.

Ui! Bands, auf die ich nicht gekommen wäre.

Ja, keine Ahnung.

Was ich aber gehört habe, und was evtl. auch nicht unbedingt beabsichtigt war: Beim Anfang von „Der Ingrimm“ hatte ich eine Assoziation zu „Take On Me“ von a-ha. Diese Basslinie…

Geil! Stimmt [summt den entsprechenden Teil laut vor sich hin]! Du hast ja auch schon das ganze Album gehört, richtig? Wie findest du es? Enttäuschend?

Nö. Super.

Danke! Heute ging mir das so durch den Kopf, dass man ja jetzt erstmals auf Leute trifft, die das ganze Album gehört haben und nicht nur „Allan Allign“. Man selber kann das ja irgendwann überhaupt nicht mehr einschätzen. Als das Album so langsam fertig wurde, habe ich es noch die ganze Zeit gehört, weil ich so excited war. Als es dann an die wirkliche Fertigstellung ging, Mixing, Mastering, letzter Schliff und so, habe ich es gar nicht mehr gehört. Jetzt, wo es fertig ist, habe ich es hier und da mal angespielt, wie klingt es im Auto, auf der Anlage und so. Aber nach drei Jahren hat man manchmal auch echt keinen Bock mehr drauf.

Wollte ich gerade fragen: Wie lange hast du an dem Album geschrieben?

Das war so blockweise. „Allan Align“, „Moritzzwinger“, „Sliced Bread“ und „Wolpertinger“ sind so die Ältesten, schon an die drei Jahre alt. An die zwei Jahre sind „Der Ingrimm“, „Love Me Or Leave Me Alone“ und „Do The Dominance“ und die Neuesten sind „Will ich nur dich“ und „Schutter“. Da ist natürlich über die Zeit auch viel aussortiert, neu gemacht und doch verworfen worden.

Das Album ist ja sehr kompakt, mit knapp über einer halben Stunde.

Keiner hat doch noch Bock, so ein Album von 90 Minuten zu hören. Hätte ich auch gern gemacht, aber wenn ich z.B. „Jordan, The Comeback“ von Prefab Sprout höre, denke ich auch so, müssen das jetzt 19 Songs sein?

Dann war das also von Beginn an geplant, das doch recht knackig zu halten.

Absolut. Das hat aber auch einen Wandel durchgemacht. „Schutter“ zum Beispiel sollte zunächst nicht drauf sein, an der Stelle stand noch ein anderer Song.

Da liegen also schon noch weitere Songs herum.

Ich könnte auch gleich noch ein zweites Album herausbringen, habe dann aber einen Punkt gemacht und mit den neuen Sachen noch mal von vorn angefangen. Und jetzt bin ich musikalisch schon wieder ganz woanders. Jetzt habe ich ein Album voller schneller, heftiger Songs gemacht, könnte nun aber auch mal ein paar Songs mit nur so 110 BPM oder 6/8-Takt machen. Ich könnte jetzt ein Album machen, das genauso klingt wie „Harieschaim“, aber…

Das kommt ja bei Künstlern und deren zweitem Album öfter mal vor.

Genau, das will ich aber nicht. Ich habe da einen Song herumliegen, der heißt „Totmann“ [lacht] und diverse andere Songteile. Ich lasse das jetzt aber erst mal liegen.

Ich fand ja die Bezeichnung „Brachialpop“ recht treffend, weil die Musik eher poppig ist, während die Texte dann doch ziemlich brachial sind.

Voll. Die haben euch ja sogar die Texte zugeschickt, oder?

Ja, das traut sich auch nicht jeder.

Echt? Die stehen doch dann auch im Booklet der Platte. Lies mich wie ein offenes Buch! Sonst kann ich das auch einfach lassen mit der Musik.

Mir ist da aufgefallen, dass einige Ausdrücke ja doch häufiger vorkommen, Wörter wie „Fight“, Shoot, „Gun“, „Kill“ – das Wort „Bones“ beispielsweise bestimmt in vier, fünf Songs.

Ich weiß, was du meinst. „Help me or break my bones“ [aus „Love Me Or Leave Me Alone“, Anm. d. Red.]…

Auch in dem einen deutschen Text…

Ah, ja, die „gebrochenen Beine“. Stimmt. Und du willst nun wissen, warum. Ich freue mich, dass mich auch mal jemand auf die Texte anspricht. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, übermäßig emotional, würde ich sagen. Ich muss keinen Thrash oder Black Metal oder Grindcore machen, um zu so einem Szenario zu kommen. Ich finde das so viel besser, die Musik poppig und die Texte brachial. So Sachen wie in „Hinterkaifeck“ – „Shoot every petty dancer“, das sind so Sachen, die darf ich privat nicht sagen. Da ist man z.B. auf einem Date und ich frage: „Was machst du so?“ Die Antwort ist dann: „Ich gehe gern in Techno Clubs.“ Und dann antworte ich so was wie: „Leute, die den ganzen Tag auf Techno-Partys rumhängen und Drogen nehmen, gehören erschossen.“ [lacht] Das ist so halb ernst und halb nicht ernst. Sobald man das singt, ist das aber okay. Das ist ja mit vielem so. Wenn ich jetzt hier rausgehe, mich mit Kunstblut übergieße und an die Wand drücke, ist das okay. Von meinen ganzen Gewaltszenarien ist „Schutter“ wohl das schlimmste. Das fängt ja an mit Sklavenhütten abbrennen und aus der Asche dann so Klangstäbe machen. Der Text ist schon ganz alt, und jetzt, wo diese Flüchtlingssache so aufgekommen ist, habe ich das gelesen und dachte, oh, so meinte ich das aber nicht. Das sollte einfach nur so brachial wie möglich sein, Hochzeitskleider schwarz färben, Löckchen mit Stacheldraht abschneiden, das sind alles nur so Bilder.

Mir gefällt dieser Kontrast. Aber hierzulande achten ja viele nicht so auf die Texte.

Ja, ich habe jetzt auch mehr deutsche Stücke gemacht, am Record Store Day kommt da eine 7“ raus mit zwei deutschen Songs… [grübelt] Jetzt hast du mich ganz aus dem Konzept gebracht… [grübelt weiter]… Stimmt, das ist ja crazy, das fällt mir jetzt erst auf! In „Moritzzwinger“ sind das ja auch die „battered bones“… Und in „Sliced Bread“ ja auch – „my eyes they ache, my bones they break“! Du hast den roten Faden entdeckt!

Mir ist noch aufgefallen, dass so in der Albummitte, so die vier Stücke von „Hinterkaifeck“ bis „Love Me Or Leave Me Alone“, die elektronischeren Songs sind. Zufall? Oder sollten die mehr so als Block stehen?

Als ich die zehn Songs fürs Album hatte, musste ich die ja in eine Reihenfolge bringen. Und das passt nur so für mich wie es jetzt ist. „Sliced Bread #2“ zum Beispiel sollte am Ende genau mit „Wolpertinger“ zusammen. „Will ich nur dich“ wollte ich weit vorne haben, damit man checkt, oh, da gibt’s auch einen deutschen Song. So hat sich das dann mit den elektronischen Stücken eher zufällig ergeben. Wobei ich mittlerweile aus den Synthies wieder ein bisschen raus bin, das kommt aber bestimmt wieder. Als ich „Love Me Or Leave Me Alone“ geschrieben habe, habe ich jede Menge Depeche Mode gehört. In der jetzigen Version mit dem E-Basslauf war der Song auch nicht von Anfang an, das war vorher ein Synthbass und noch elektronischer.

Das Video zu „Love Me Or Leave Me Alone“ – gibt es da auch einen inhaltlichen Zusammenhang zum ersten Video?

Ja, es geht wieder um einen verbotenen Kuss. Ich wollte dieses Mal nicht so als Charakter in der Story präsent sein, wollte etwas vom Text verbildlichen – und da sind wir dann auf eineiige Zwillinge gekommen. Und am Ende knutschen die, was ja auch so ein Tabu ist. Du glaubst gar nicht, wie schwierig das Casting war. Und die beiden nächsten Videos werden noch krasser.

Das heißt, es wird noch zwei Videos geben?

Hoffentlich. Eins auf jeden Fall. Lustigerweise waren – bis auf „Allan Align“ – die Songs, die jetzt Singles sind (oder es noch werden), erst meine Wackelkandidaten. Als ich mit den Demos ankam, dachte ich noch, „Love Me Or Leave Me Alone“ wäre der Song, den ich am ehesten herauskicken würde. Zum Glück habe ich das nicht gemacht, so wie er jetzt geworden ist, finde ich ihn doch auch ganz gut.

Für mich ist ja „Do The Dominance“ auch ein klarer Singlekandidat.

Zu dem habe ich auch so ein komisches Verhältnis. Vielleicht, weil meine Ex-Freundin die Backing Vocals singt. Wenn es nach mir ginge, wäre ja „Hinterkaifeck“, mein Lieblingssong auf der Platte, eine Single. Aber ein Song, wo der Refrain keine Vocals hat und wo die Hälfte instrumental ist – vergiss es! Als der fertig war, war das genau der Sound, den ich immer wollte. Strange, dieses undefinierbare Rauschen, übelst 80er-mäßig produziert mit diesen heftigen Drums und dann noch dieses Gitarrengewichse auf sechs Spuren übereinander. Als mein Manager den zum ersten Mal hörte, meinte er auch: „Das kann nicht dein Ernst sein, solche Songs darf man eigentlich gar nicht mehr machen!“ Das ist wie mit diesem Jenny-Elvers-Ding, das gehört sich nicht, sollte man nicht machen – und genau darum muss ich es tun.

Das hebt einen ja dann auch von anderen ab.

Ja. Für diese Record-Store-Day-Single [die der Künstler gerade hier als freien Download verschenkt] habe ich jetzt auch einen Remix von „Hinterkaifeck“ machen lassen, von Max Rieger von Die Nerven. Und der hat einfach nichts übrig gelassen. Der meinte: „Das ist völlig überproduziert, ich werde einfach wieder das daraus machen, wie es sich gehört.“ Fand ich aber auch gut, schön, wenn Leute ihr eigenes Ding draus machen.

Manche Remixe können ja auch noch neue Ebenen aus einem Stück holen. Andere wiederum klingen so, als lagen sie schon vorher fertig in der Schublade.

Ja, ich habe auch aus den 80ern so eine Depeche-Mode-12“ von „People Are People“, da sind auch so Versionen drauf, wo ich mich frage, wie oft soll ich mir die anhören? Es gibt so eine EP von Falcos „Titanic“, wo acht oder neun Versionen davon drauf sind – und die sind alle kacke.

Bei den DM-Fans gibt es zu Remixen ja auch unterschiedlichste Meinungen. Es gibt dieVerfechter der guten alten Extended Mixe…

Das sehe ich ja auch so, da kann ich verstehen, warum man die oder die 12“-Mixe mag. Aber diese DJ-Soundso-Mixe, da kann ich mir gut vorstellen, dass viele Leute da böse werden.

Unbedingt. Ein anderer Song auf deinem Album, der so klanglich ein bisschen anders ist, wäre „Sliced Bread #2“.

Das ist die originale Version des Songs.

Was war denn #1 vor #2?

Der Songtitel ist ein Wrestling-Move, der heißt so. Ich bin riesengroßer Wrestling-Fan, ein Überbleibsel meiner Kindheit, Schande über mein Haupt.

Ich mag das, wie der so industrialmäßig auseinanderknattert.

Gut gesagt, sehe ich auch so. Und dahinter dann „Wolpertinger“, der dann wieder so mit Pauken und Trompeten daherkommt. Ich fand die B-Seite des Albums schwierig zusammenzustellen, während die A-Seite relativ schnell stand.

Ihr tourt ja jetzt auch reichlich. Die Band, mit der du unterwegs bist, wie kam die zustande?

Zwei davon sind schon lange Freunde von mir. Christoph Kuhn spielt Schlagzeug, Tim Roth spielt Keyboard und Gitarre und kümmert sich um alles Technische. Der ist auch mein Mitbewohner, studiert Sounddesign und ist so das Brain bei allem, was die Produktion angeht. Und der Bassist ist Sam Segarra, in Berlin geboren, in Russland aufgewachsen, dann USA, jetzt wieder Berlin – der Jüngste von uns, der ist erst 18. Die sind auch okay damit, dass sie jetzt die Liveband sind. Jetzt kommt das Release-Konzert, das wird lustig. Wir spielen ein Cover von … [wird noch nicht verraten, liebe Leser], kein Witz. Man erwartet immer The Cure oder Joy Division, aber das wäre zu offensichtlich. War auch schwierig zu lernen, der Song.

Zum Schluss noch: Bei unserem ersten kurzen Mailinterview war die Antwort auf die Frage nach den Zukunftsplänen: Spielen, spielen, spielen…

Und überleben, ja. Läuft so, wir touren den Rest des Jahres. Und ich habe schon einige Songs fürs zweite Album, es klappt gerade ganz gut mit dem Schreiben, der Motor läuft gerade gut.

Und was wir immer gerne fragen: Was läuft bei euch so im Tourbus?

Wir machen immer nur Blödsinn im Tourbus. Unser Tourmanager Nicolas hat so einen Spotify-Premium-Account, da hören wir dann so Micaela Schäfer und den Steuersong. Kennste den noch: „Ich erhöh‘ euch die Steuern…“ und da lachen wir uns dann den Arsch weg, anstatt gute Musik zu hören. Oft läuft aber auch Motörhead, da bin ich Riesenfan. Und als ewige Empfehlung: Prefab Sprout.

Vielen Dank für das Gespräch!

„Harieschaim“ erscheint am Freitag, unsere Review dazu könnt ihr in Kürze lesen.

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www.soundcloud.com/diedrangsal

Letzte Aktualisierung: 19.4.2016 (c) depechemode.de

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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Kommentare

  1. elf
    2
    23.4.2016 - 6:19 Uhr

    Alan allein?

    ?!?
    :o ;)

  2. Mike
    1
    19.4.2016 - 16:44 Uhr

    Also der Typ sieht bissl aus wie Robert Smith nur in jung und besserer Frisur.
    Oder ?
    Hab bis dato noch nie von ihm gehört.