Über das Zusammenwachsen als Band, Hochzeitskapellen und Schweineköpfe

Chvrches5_DannyClinch_UniversalMusicIhr zweites Album „Every Open Eye“ ist sehr gelungen, wie wir finden. In der Veröffentlichungswoche waren die Chvrches in Berlin für einen Auftritt im Circus Halligalli. Doch vorher gaben uns Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty in Klaas‘ und Jokos heiligen Backstageräumen ein entspanntes Interview:

Es ist sehr schön, dass wir als Fanseite von Depeche Mode euch alle Drei zu sprechen bekommen…

Iain: Gerne doch. Eine Band, die uns sehr am Herzen liegt.

Zunächst einmal: Wisst ihr ungefähr, wie viele Tage ihr in den letzten zwei Jahren in eurer Heimatstadt verbracht habt?

[alle lachen]
Martin: Gute Frage! Nicht genug! Ich würde sagen, mehr als 90, aber weniger als…
Lauren: Abgesehen von der Zeit, in der wir die Platte aufgenommen haben.
Martin: Stimmt. Auf jeden Fall nicht viel.
Lauren: Wir waren da für etwa sechs Monate während der Aufnahmen.
Martin: Es ist interessant, darüber nachzudenken. Wenn du immer nur so kurz da bist, willst du nur die besten Freunde treffen, das Beste vom Ort erleben, du kommst nie runter, wirst nie gelangweilt.

Findet ihr noch Zeit, zu Hause auszugehen? Wie zu Fußballspielen – ich war beispielsweise vor Kurzem in Glasgow zum EM-Quali-Spiel Schottland – Deutschland. War ein gutes Spiel.

Martin: Ach, dieses Spiel. Ja. Ich dachte, du warst bei der Champions-League-Quali von Celtic. Das war am Ende… nicht so gut.
Lauren: Ich weiß eigentlich nicht so viel über Fußball, aber ich tue dann immer so: Oh und Ah, interessant… und so [lacht].

Ja, ganz wie meine Frau. Die Atmosphäre in Glasgow war aber auch toll.

Martin: Ja, das habe ich auch mitbekommen. Jede Menge Leute, Deutsche und Schotten – und alles friedlich und freundlich.

Nun zur Musik: Als ihr euer Debüt aufgenommen habt, wart ihr als Band noch ziemlich unbekannt. Das hat sich ja deutlich geändert. Gab es nun während der Aufnahmen mehr Druck?

Iain: Das ist etwas, vor dem wir gewarnt waren. Schon, weil uns diese Frage immer wieder gestellt wurde. Wir hatten das vielleicht im Hinterkopf, aber wir haben nicht explizit darüber geredet. Das haben wir nicht weiter an uns heran gelassen, weil das sonst zu sehr abgelenkt hätte. Wir sind dann ins Studio und haben am ersten Tag „Never Ending Circles“ – oder zumindest Teile davon – aufgenommen. Sobald wir die erste Idee hatten, waren wir glücklich damit.

Hattet ihr einen Masterplan fürs Album? Wie „sollte wie das erste klingen“ oder „sollte härter/poppiger/kantiger/wasauchimmer klingen“?

Martin: Nichts Spezifisches. Wir wollten einen etwas schlankeren Sound, haben aber nicht darüber gesprochen, es dunkler oder poppiger zu machen. Das waren alles Sachen, die sich natürlich entwickelten. Das war wie beim ersten Album. So wie die Songs in den Sinn kamen, basierend auf unseren musikalischen Einflüssen, Geschmäckern und Stimmungen. Wir versuchen dabei immer, uns im Studio weiter zu entwickeln. Wir wollten, wie gesagt eine schlankere Platte, aber keine „reifere“ oder so. Weniger bedacht, lieber roh, wütend und aggressiv.

Ihr habt wieder in euren eigenen Alucard Studios aufgenommen und selbst produziert, nur Mixing und Mastering extern machen lassen. Gab es einen Moment, wo äußere Einflüsse – vielleicht die Plattenfirma – euch zu einem externen, womöglich namhaften Produzenten überreden wollten?

Martin: Wir haben eine Menge sehr nette Angebote erhalten. Aber alle, mit denen wir arbeiten, trauen uns das auch selbst zu – und ich traue niemand anderem als uns.

Da ihr immer noch in eurem Heimstudio aufnehmt, war da – wie Martin schon im letzten Interview erwähnte – immer noch nicht viel Platz für Gitarren. Iain, vermisst du sie nicht manchmal, du hast ja eher einen gitarrenorientierten Background?

Iain: Ich kam immerhin ein bisschen zum Bassspielen auf der neuen Platte. Ich habe mich auch wieder ein wenig in die Bassgitarre verliebt. Aber wir haben nicht viele Gitarren auf dem Album.
Martin: Das ist das Schlimmste an dem neuen Album. Iain kommt nicht viel zum Gitarrespielen darauf – und er ist ein so großartiger Gitarrenspieler.
Iain: Es kommt halt immer darauf an, ob der Song das gebrauchen kann – und die meiste Zeit war das hier eben nicht der Fall.
Martin: Wobei wir jetzt mehr Platz haben. Wir haben den Burschen, der da wohnte, rausgeworfen [alle lachen] – aber wir haben ihm einen Job gegeben…

Wie nett von euch…

Martin: … Und so haben wir jetzt mehr Platz für Instrumente und im Prinzip zwei Studios in einem, so dass wir zum Beispiel parallel im anderen Raum an den Vocals arbeiten konnten.

Habt ihr sonst noch Veränderungen im Equipment vorgenommen? Letztes Mal sagte Martin, ihr würdet zukünftig den Prophet 12 Synthesizer verstärkt nutzen wollen.

Martin: Ja, der Prophet 12 ist überall auf dem Album. Wir haben auch einiges anderes neues Equipment verwendet, von Roland z.B. oder auch einen Prophet 01.
Iain: Wir haben als Konstanten auch oft den Juno und den Voyager benutzt.
Martin: Immer, wenn man einen bestimmten Sound sucht – bei den beiden findet man ihn.

Habt ihr Lieblingssongs auf dem Album?

Iain: Es wechselt täglich. Derzeit liebe ich „Playing Dead“.
Martin: „Keep You On My Side“:
Lauren: Ich würde sagen, „Clearest Blue“ – der Song bringt eine Menge der Sounds und Themen des Albums zusammen.

Meine Favoriten sind derzeit „Clearest Blue“, Down Side Of Me“ und „Bury It“.

Lauren: Ah, die düsteren Stücke.

Tja, Depeche Mode…

[alle lachen]
Lauren: Ich mag es, dass wir für das Album sowohl einige unserer fröhlichsten, als auch einige unserer bisher düstersten Stücke geschrieben haben. Und es ist gut, Songs mit so unterschiedlichen Stimmungen auf einem Album zu haben.

Das letzte Mal sprachen wir über die Balance zwischen eingängigen Melodien und düsteren Texten. Ihr achtet also immer noch sehr auf diesen Aspekt, oder?

Lauren: Balance ist immer sehr wichtig. Die Sachen sollten nicht zu glänzend oder zu obskur werden. Man soll sich das Album mit all seinen Stimmungen im Ganzen anhören und bestenfalls auf Sounds und Texte achten. Und es würde mich freuen, wenn man dabei merkt, dass das Album auch selbstsicherer klingt.

Haben die Erfahrungen, die ihr in den letzten zwei Jahren gemacht habt, deine Art Texte zu schreiben, beeinflusst?

Lauren: Bei der ersten Platte wussten wir vorher ja noch nicht mal, ob wir eine Band sind oder nur ein Projekt. Mittlerweile haben wir ein viel besseres Gespür, was die Band ausmacht und wie eine Platte werden soll. Die Texte fürs erste Album waren auch über einen größeren Zeitraum hinweg entstanden, dieses Mal passt das für mich lyrisch und dramatisch besser zusammen.

Martin, du singst on „High Enough To Carry You Over“ und dem, wie ich finde, tollen Bonustrack „Follow You“ – an welchem Punkt entscheidet ihr, welche Songs Lauren nicht singen wird?

Martin: Relativ spät. Manchmal starten die Songs mit einem Demo von mir, und dann katapultiert Lauren die Stücke qualitativ um ein Vielfaches nach oben. Nur gelegentlich, wenn die Tonlage oder die Stimmung nicht zu Lauren passen, versuchen wir es mit mir. Es ist auch ein gutes Mittel, das Album zwischendurch ein wenig aufzubrechen. Wir wären nie so verrückt zu sagen, ich sollte alle Songs singen.
Lauren: Du müsstest sie auch aus meinen toten, kalten Händen reißen!
Martin: Genau [lacht].
Lauren: Ich finde es aber auch gut, dass wir uns mit dem Wechsel beim Gesang immer eine Option offen halten können.

Wo wir gerade von Bonustracks sprechen: Es sind wenigstens vier davon vorhanden. Wer entscheidet, was aufs Album kommt und was nicht?

Lauren: Wir kämpfen darum.
Iain: Lange Diskussionen.
Martin: Wir entscheiden das in der Band, und dann sagen wir es allen anderen.

Und wie viele Songs enden tot auf dem Boden des Studios?

Iain: Wir haben um die 20 Songs geschrieben, 21, glaube ich. Das Beste vom Besten ist auf dem Album gelandet, ein paar haben nicht funktioniert, und ein paar Demos sind übrig, mit denen wir vielleicht noch arbeiten werden.

Ihr beginnt diese Woche zu touren. London, Amerika, Europa. Derzeit steht nur ein Deutschland-Konzert (Hamburg) auf dem Plan.

Lauren: Ja, wir kommen aber auf jeden Fall 2016 wieder. Einiges hat mit Festivaleinschränkungen [Exklusivdeals, Anm. d. Red.] zu tun. Wir haben uns bisher sehr über den Support der deutschen Fans gefreut, also planen wir definitiv noch weitere Auftritte.

Wie sieht es denn mit eurem Heimspiel in Glasgow aus?

[großes Gemurmel setzt ein]
Iain: Das wird ein Tumult werden!
Martin: Wir arbeiten dran. Wir haben mitbekommen, und das ist ja auch toll, dass in unserer Heimatstadt ein großer Appetit auf uns herrscht. Wir wollen, dass der Abend fürs Publikum so viel bedeutet wie für uns. Wir wollen da keine normale Show liefern, sondern etwas Besonderes.

Ihr seid auch bekannt für eure Coverversionen. Prince, Whitney Houston, sogar Bands wie East 17 [Lauren kichert, Iain lacht schallend] – plant ihr da neue Sachen?

Martin: Ja. Vor allem Radiosender wollen ständig so etwas.
Lauren: Wir werden diese Woche noch etwas für die BBC Radio 1 Live Lounge spielen [es wurde verrückterweise Justin Bieber, aber eben im Chvrches-Style, siehe auch hier, Anm. d. Red.]. Bei den Konzerten haben wir zuletzt seltener welche gespielt. Als wir anfingen, hatten wir schlicht noch nicht genug eigene Songs…
Iain: …Und jetzt haben wir fast schon zu viele…
Martin: Weißt du, wie das ist… wenn man auf einem Festival ist und eine Band sieht, die haufenweise Covers spielt und denkt, da spielt eine beschissene Hochzeitskapelle. So etwas empfinde ich dann als beleidigend. Man sollte schon mit seinem eigenen Zeug überzeugen.
Lauren: Es ist jetzt auch viel entspannter, mit mehr Material arbeiten zu können, um eine starke und überzeugende Setlist zu finden.

Letztes Mal habe ich Martin nach seinen musikalischen Einflüssen (wie The Cure oder Depeche Mode) gefragt. Wie sieht es da bei den anderen beiden aus?

Lauren: Ich denke, bei bestimmten Künstlern überschneiden wir uns alle Drei. Wie eben The Cure, Depeche Mode, Radiohead, Cocteau Twins. Aber wir hören auch recht unterschiedliche Sachen in unserer Freizeit. Ich bin viel mit Riot-Girl-Bands aufgewachsen. Und Alanis Morissette war damals auch ein großes Ding.
Iain: Wir haben tatsächlich in den letzten Wochen eine Menge frühe Depeche Mode gehört…
Martin: Das sagst du doch jetzt nur so! [lacht]
Iain: Neinnein, gestern gab es erst „Music For The Masses“ im Flugzeug. Und „Construction Time Again“. Außerdem die Cocteau Twins. Und Nils Frahm.
Martin: Vor den neuen Aufnahmen habe ich haufenweise Beach Boys gehört.
Iain: Zum Glück gehst du jetzt nicht durch deine Brian-Wilson-Phase.

Ohne die Nebenwirkungen, hoffe ich.

Martin: Ja. „The genius minus the madness“.
Iain: Das wäre aber mal ein Albumtitel: „The Madness Minus The Genius“ [Gelächter].

Ihr solltet das aufschreiben… Wie immer kommt noch die Frage: Was rotiert aktuell bei euch in der Playlist? Gibt es Geheimtipps für unsere Leser?

Martin: Bei mir ist es so: Bevor es ins Studio geht, höre ich monatelang massenweise Musik. Wenn die Aufnahmen dann beginnen, höre ich komplett damit auf, dann wird nur gearbeitet.
Lauren: Ich habe in den letzten Tagen ein paar Songs von Sexwitch gehört, dem neuen Projekt von Bat For Lashes [Natasha Khan hat sich hierfür mit der Band TOY und Produzent Dan Carey zusammengetan, Anm. d. Red.]. Kam total aus dem Nichts, plötzlich traten die auf dem Green Man Festival auf. Das klang sehr interessant. Ich mag sie als Künstlerin sehr, musikalisch und auch, was das Visuelle angeht.

Da wir ja eine Depeche Mode Fanseite sind: Habt ihr verfolgt, was deren Mitglieder derzeit so treiben?

Martin: Oh ja, Dave Gahan hat eine neue Platte am Start. Bin gespannt drauf.

Ja, mit den Soulsavers. Und Martin hatte auch ein Soloalbum im Frühjahr…

Iain: War da nicht die Platte mit Vince Clarke?

´Vor vier Jahren, als VCMG. Jetzt war er solo als MG aktiv.

Martin: Ja, ein Instrumentalalbum. U.a. mit Restmaterial vom letzten DM-Album. Großartige Sounds!

Er muss mittlerweile einen Instrumentenpark haben, der um ein paar Blocks reicht.

Martin: Den würde ich liebend gerne mal sehen.

Ich auch… Okay, wir sind fertig. Zum Schluss noch etwas Politik. Habt ihr eine Meinung zum schottischen Referendum und seinem Ergebnis im letzten Jahr?

Martin: Wir reden nicht so gerne über Politik, ehrlich gesagt. Wir sind Musiker, keine Politiker. Ich habe sehr starke persönliche Gefühle zu dem Thema, aber die sind privat.

Das ist dein gutes Recht.

Iain: Lass uns lieber über David Cameron reden! [Gelächter] Hast du das mitbekommen? Er soll als Student seinen Schwanz in einen Schweinekopf gesteckt haben!
Lauren: Wie man das halt so macht.

David Cameron eben… [alle lachen] Vielen Dank für das Gespräch!

Jetzt Chvrches – Every Open Eye bei Amazon herunterladen/bestellen


www.chvrch.es
www.facebook.com/CHVRCHES

Letzte Aktualisierung: 7.11.2015 (c) depechemode.de

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

4
Kommentare

  1. Mav1976
    4
    19.10.2015 - 13:49 Uhr

    chvrches

    Tolles Interview. Danke dafür. Werde mir die nächsten Tage das neue Album mal genauer anschauen bzw. anhören.

  2. Matthias
    3
    18.10.2015 - 12:22 Uhr

    ...

    habe das Gefühl, Chvrches sind seit Jahren mal wieder richtig gute Newcomer….okokok, gibt sie ja jetzt schon n paar Tage. Man scheint sich zu fragen: „wo waren sie all die Jahre?“….freue mich auf Hamburg

  3. DM Neo
    2
    17.10.2015 - 21:02 Uhr

    … Danke für das Interview!

    Die Band hat sich musikalisch weiterentwickelt, obwohl der Sound weiterhin erkennbar geblieben ist. Und: es sind die nettesten Menschen/Musiker überhaupt geblieben, mit typisch schottischem schwarzem Humor :-)

  4. Andi 101
    1
    16.10.2015 - 14:05 Uhr

    chvrches

    Super Interview.👍 Hoffe sie kommen zu ein paar mehr Konzerten nach Deutschland!