Björk ist zurück. Und wie sie das ist. Gewohnt exzentrisch, künstlerisch gewagt und einzigartig. Was nicht auf den ersten Ton als klassisch schön wahrgenommen wird, entpuppt sich als schmerzhaft wundervoll. Niemand klingt wie Björk.
Im Video zur Single ‚Black Lake‘ gibt sie dem Trennungsschmerz, den sie durchlebt hat, ein klangliches Kleid. Nach mehr als 13 Jahren hatte sich Björk vom Vater ihrer zwölfjährigen Tochter getrennt. Allein der Song ‚Black Lake‘ reicht aus, um das apokalyptische Ausmaß, dass diese Trennung auf Björk hatte, zu erahnen.

‚Black Lake‘ klingt als striche sie mit einem Geigenbogen über ihr kaputtes Herz. Beinahe unerträglich schneiden die Töne in die Seele. Der Song ist über zehn Minuten lang. Björk erklärt: “It’s like, when you’re trying to express something and you sort of start, but then nothing comes out. You can maybe utter five words and then you’re just stuck in the pain. And the chords in-between, they sort of represent that”.
Mit eindringlicher Stimme offenbart sie sich, zieht die Töne, presst sie heraus. Ihre Wut, ihre Zweifel und vor allem ihren rohen, aggressiv pochenden Schmerz. Björks Album „Vulnicura“ steht insgesamt im Zeichen der verwundeten Kämpferin. Doch wir reden hier von Björk. Wer, wenn nicht sie, ist künstlerisch in der Lage ihrer Seele ein klangliches Kleid zu geben. ‚Black Lake‘, um das es hier gehen soll, zeigt uns eine leidende, fast vernichtete Björk. Jedoch keine, die jämmerlich untergeht. Björk leidet und weiß, dass sie sich durchkämpfen muss und wieder aufstehen wird. Es ist eine Metamorphose. Von der schmerzgebeugten Frau zur gezeichneten Kämpferin. Im Video finden wir Björk zusammengekauert in einer Höhle in den isländischen Highlands. Ein seltsam künstliches, einschnürendes Kleid bedeckt ihren Körper, während sie sich aufrichtet und sich unter Schmerzen wankend aus der Höhle in das fahle Mondlicht kämpft.

‚Black Lake‘ entstand kurz nach der Trennung und Björk ist darin so brutal ehrlich, dass sie nicht über diesen Song sprechen kann: “I can’t talk about it. It’s not that I don’t want to, I’m not trying to be difficult. It really is all in there”. Sie hat die Fülle ihrer Emotionen in diesen Song fließen lassen, bis nichts mehr davon in ihr übrig war. Zehn Minuten lang windet sie sich vor Schmerz über die verlorene Familie, die Mission, die sie gemeinsam hatten: “Family was always our sacred mutual mission/ which you abandoned/ You have nothing to give/ Your heart is hollow”.

Regisseur Andrew Thomas Huang beschreibt den komplexen Entstehungsprozess zum Song und zum Video: “Björk wrote the song while sat in a ravine. It is our first chapter in creating the character for Björk’s epic soul journey about loss, healing and the promise of solutions”. Eine außergewöhnlich beeindruckende Choreographie von Erna Ómarsdóttir lässt Björk einem Exorzismus gleich den Albtraum, den sie durchlebt, wegtanzen. Eine Bewegung ist Sinnbild für ihren zerrissenen Schmerz: Immer wieder hämmert sie sich mit der geballten Faust gegen die Brust, gegen ihr Herz. Gleichzeitig schießt giftig blaue Lava unkontrolliert aus dem vulkanischen Boden. Ihre Wunde pocht schmerzhaft roh. Will sie ihr Herz herausschlagen, um nicht mehr fühlen zu müssen? Will sie es reanimieren, um überhaupt etwas zu fühlen? Björk kämpft sich aus der dunklen Höhle. Draußen in den Highlands verändert sie sich. Plötzlich trägt sie ein orange durchsichtig schillerndes und doch schwarz unterlegtes Kleid. Sie wandelt traumverloren im Kreis, entrückt und mit großen Augen. Was kommt weiß sie nicht, nur dass es weitergeht: “I am a glowing shiny rocket/ Returning home/ As I enter the atmosphere/ I burn off layer by layer”. Was von ihr übrig bleiben wird, weiß sie dennoch nicht. Sie dreht sich um und verschwindet langsam in die nebligen Highlands. Wie eine schillernde Libelle, der man die Flügel zerschnitten hat.

 

 Eleni Blum
"The only truth is music" (Jack Keruac) - mit diesem Satz ist alles gesagt. Eleni studiert zur Zeit im Master und begeistert sich für das Schreiben und Musik in all ihrer Vielfalt. Zusätzlich zur Uni arbeitet sie als freie Mitarbeiterin bei der Lokalzeitung sowie - besonders gern natürlich - bei depechemode.de und kümmert sich um die Kommunikation verschiedener Musiker (Künstlerprofile, Liner Notes, Social Media u.v.m).

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Kommentare

  1. 14.7.2015 - 16:20 Uhr

    Bei Björk geht es mir wie bei DM, die alten Sachen (Alben u. Songs) waren wirklich genial, das neue Songmaterial plätschert kraftlos vor sich hin wie auch dieser ziemlich ruhige verkopfte Song. Wo sind noch solche Lieder zu hören wie Human Behaviour, Play Dead, Army Of Me, Isobel, All Is Full of Love, Joga, Hyperballad ?

    https://www.youtube.com/watch?v=KqF8_UcUQdQ

    Die Björk-Alben bis einschliesslich Vespertine (2001) habe ich wirklich geliebt und genossen, ab Medúlla (2004) gings dann leider für mich mit Björks Musik abwärts, keine richtigen Melodien mehr, zu viele experimentelle Songstrukturen, schlechte langweilige Sounds, teils nervige Gesangspassagen usw. auch das aktuelle Album hat mich nicht in den Bann gezogen wie zb. Homogenic (1997)

    will einfach nicht mehr richtigzünden, es fehlen die Melodien

  2. Carlo
    2
    14.7.2015 - 8:38 Uhr

    Nervig‘ repetitiver, viel zu langer Song und ultra-pretentiöses Video. Mein Güte…

    • Lockenkopf
      2.1
      14.7.2015 - 11:37 Uhr

      Dito

  3. elf
    1
    12.7.2015 - 17:26 Uhr

    hm…
    Ehrlichgesagt hab ich Probleme mir das anzuschauen, wirkt auf mich wahnsinnig prätentiös – so als ob ihr die Sache mit der Ausstellung im New Yorker MoMA zu Kopf gestiegen ist und sie versucht „weiterhin ins Museum zu kommen“.
    Ich dachte sie hätte ihren Trennungsschmerz schon mit Vulnicura abgearbeitet?

    Aber vielleicht sind das ja nur die typischen Anfangsirritationen wenn es mal wieder was wirklich neues zu Sehen/Hören gibt, und heutzutage darf man ja auf jeden Fall dankbar sein wenn jemand überhaupt noch Musik macht und kreativ ist, wenn man mal den wirtschaftlichen Aspekt der Sache überdenkt.

    • elf
      1.1
      12.7.2015 - 18:05 Uhr

      Ach, der Track ist vom Vulnicura Album… (hatte ich irgendwie vorher überlesen).
      Dann macht es natürlich mehr Sinn.