150529_232506_SF1_9384Klingt wie aus einer Patientenakte, oder? Ist aber durchaus und zu großen Teilen (sehr!) positiv gemeint, unser Fazit zum diesjährigen Berlin Festival. Und das war nach den Erlebnissen des Vorjahres keine Selbstverständlichkeit.

Der wechselvollen Geschichte dieses Festivals folgte ja im vorigen Jahr (nicht) der (erste) Umzug vom historischen Tempelhofer Flughafen auf das Arena-Gelände nach Treptow. Recht kurzfristig und mit dem Ergebnis, dass es an diversen Stellen hakte und ruckelte. In diesem Jahr blieb die Location gleich, dafür änderten sich Termin und Ausrichtung des Berlin Festivals. Man rückte von Anfang September auf Ende Mai (wohl auch, um dem großen Lollapalooza Platz zu machen) und besann sich fürs Zehnjährige auf den musikalischen Kern und das, was am besten zu Berlin passt: Elektronische Musik. Keine Mega-Headliner, dafür aber auch ein fairer Preis.

Und so durfte man erfreut bemerken, dass aus vielen Fehlern gelernt wurde. Selbst den berüchtigt fürchterlichen Sound der Arena hat man so gut wie möglich (ein Klanglabor wird aus der Location nun mal nicht mehr) in den Griff bekommen, sicher war es für die Mischverantwortlichen von Vorteil, dass sie nicht ständig zwischen elektronischen Acts und Rockbands wechseln mussten. Auch die Wege-Logistik wurde deutlich besser gelöst – viel mehr Öffnungen der Haupthalle sorgten für sichtlich weniger Gedränge.

Weitere gute Ideen: Die Nutzung der MS Hoppetosse als Discoschiff mit zwei sehr entspannten (vom SchwuZ kuratierten) Floors. Bunte Tupfen wie Varietékünstler, Artisten und Straßenmusiker auf dem Festivalgelände. Gelungene Integration des White Trash Fast Food (als Restaurant und Bühne). Coole Retroatmosphäre im kuschelig-schwitzigen Arena Club. Weiterhin gut: Die Versorgungslage in punkto Essen.

Weiterhin mies: Das Thema Getränke. Immer noch das widerlichste aller Biere, dazu wenig Auswahl an Alternativen, und Wasser sollte nicht so teuer sein. Neu dabei auf der Minusseite: Das dämliche (und nach Gesprächen mit diversen Standbetreibern ist das noch eine höfliche Umschreibung) Bezahlsystem mit Chip am Band – Zwang zum (wiederholten) Aufladen an diversen Geldstationen, Bezahlung dann bargeldlos und als Krönung gab es das Restgeld dann nur online zurück (ob das auch funktioniert hat, trägt der Rezensent nach, sobald er sein Bändchen wiedergefunden hat).

So, und nun aber noch zum Wesentlichen: Der Musik. Am Freitagabend konnte man sich spät auf das Festivalgelände begeben, denn die Highlights lagen nach Mitternacht (obwohl, vorher gab es immerhin u.a. schon Tiga). Und da unterstrichen GusGus zu wie oben angedeutet überraschend gutem Sound wieder einmal, was für ein Genuss es ist, diese Isländer live zu erleben. Das gewohnt unberechenbar wechselnde Personal war zwar nur zu dritt (immerhin dieses Mal mit Sängerin und Sänger) und ohne Partypräsident Bongo unterwegs, konnte die Menge aber mit einem knackigen einstündigen Set zum Tanzen bringen.

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Danach gingen wir zum Verschnaufen nach nebenan ins Glashaus – und konnten auf der kleinen, leider eher spärlich besuchten Bühne eine Entdeckung des Festivals machen. Beatrice Eli aus Schweden (Bitte, bitte keine Buchstaben hinzufügen und sie mit einer gewissen Castingschlunze verwechseln!) beeindruckte mit einer selbstbewussten Show und einer spannenden Mischung aus Electro, Soul, HipHop, Pop und Mittelfinger.

Marek Hemmann bespielte derweil die Hauptbühne mit geschmackvollem Sound, doch nun stand uns der Sinn nach Oldschool. Und oldschooliger als beim DJ-Set von Westbam (der vorher aus seiner Biographie las) im hoffnungslos überfüllt-verqualmt-verschwitzten Arena Club wurde es nicht mehr. Der Techno bollerte in der Hose, die Beats massierten Bauch und Hirn, und der Meister wechselte genüsslich von einem Kracher zum nächsten. Klasse! Wie übrigens auch der Auftritt von Ten Walls später, der seinen ganz eigenen Deep House druckvoll ins Publikum knetete.

Der Samstag bot Sonne, so dass man schön am Strand oder auf den Holzplanken vom Badeschiff den entspannten Sets von Tiefschwarz oder Ellen Allien lauschen konnte. Dann die nächste Entdeckung des Festivals (okay, die hier sind schon bekannter): Sylvan Esso. Feiner, eingängiger Synthiepop mit viel Soul in der Stimme. Dem folgte ein erhoffter Höhepunkt des Festivals, was sich auch umgehend bestätigte: Howling. Was Ry X und Frank Wiedemann auf Platte können, steht hier. Und live setzten sie das hypnotisch und bezaubernd um, ein echter, Verzeihung, Ohrgasmus. Dagegen war das, was Richie Hawtin draußen auf der elektronischen Wiese auflegte, geradliniger. Aber auch gut.

Dann erstmal Essenspause. Nebenbei die talentierte Band Razz ausgecheckt. Dann zurück zur Hauptbühne, jetzt gab es Anspruchsvolles: James Blake. Und der spaltete die Zuhörer (auch unter unserer kleinen Gruppe). Tolle Sounds, tolle Stimme, aber sicher nicht zwingend festivalhauptbühnentauglich. Trotzdem ist die Vorfreude aufs neue Album ungebrochen groß. Danach (und zwischendurch) viel Freude an Entertainer und Großstadtrapper (aus Berlin-Köpenick!) Romano.

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Und dann der Fritze. Der Kalkbrenner. Mit einem Set zum Tanzen und Spaß haben. Und mit Quasselwasser im Gepäck, so viel, wie der Mann auf der Bühne zu erzählen hatte. Später in der Nacht gab es noch Âme, doch ach, der Rücken schmerzte den Rezensenten, also: Feierabend. Was leider auch für den ganzen Sonntag galt, aber Freund Hörensagen behauptet, Roisin Murphy, Underworld, Carl Craig u.a. wären auch ganz fein gewesen. Na gut, wir sind nächstes Jahr wieder dabei. Aber denkt doch bitte nochmal über die Sache mit dem Pfandchip und den Getränken nach!

Alle Fotos: © Stephan Flad (Vielen Dank dafür!)

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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