Nichts ist so schlimm und hässlich wie die amerikanischen Vorstädte. Und nichts ist so erhaben und schön wie ein neues Album von Arcade Fire. Die Kanadier schaffen es, mit ihrem dritten Album ihr drittes Meisterwerk abzuliefern, ohne sich dabei musikalisch zu wiederholen.

2005. „Funeral“. Beerdigung. Aufbruch. Euphorieexplosion. „Neighborhood 2 (Laika)“. „Wake Up“. „Rebellion (Lies)“. Meisterwerk.

2007. „Neon Bible“. Opulenz. Kirchenorgel. Düsternis. „Black Mirror“. „Intervention“. „No Cars Go“. Meisterwerk.

2010: „The Suburbs“. Reduktion. Rückkehr. Konsequenz. „Half Light II (No Celebration)“. „We Used To Wait“. „Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)“. Meisterwerk.

Das war die Kurzform. Win Butler, Regine Chassagne und die anderen Fünf in der Band haben auf ihren Alben schon immer Konzepte verfolgt. Auf dem bahnbrechenden Debüt waren das Trauer, viel mehr aber deren Überwindung, Jugend, Heimat und mehr, verpackt in überschäumende, atemlose, euphorische, drängende Songs voller Energie. Der Nachfolger trug schwer an seinem Gewicht, an der bigotten Welt moderner Religion, an untragbaren politischen Zuständen in den USA und anderswo – ein mächtiges Klangbild, ausufernd produziert und dann doch wieder mit großartigen Songs und ein paar schwungvollen, erleichternden Ausbrüchen.

Nun geht es also zurück in die Suburbs. In die Jugend, in die Vororte, Kleinstädte, Trostlosigkeiten. Wer einmal Jahre später in den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt ist, weiß, wie beklemmend das sein kann. Aber es geht neben Angst und Verlust auch immer um Hoffnung, Reife, Erwachsenwerden, Reinheit, Schönheit, Hoffnung und nochmals Hoffnung.

Ein schönes Konzept, das jedoch die Musik keineswegs überfrachtet. Arcade Fire haben richtig erkannt, dass man nicht noch größere Klanggebilde bauen kann. Wer jetzt nach erstem Höreindruck von einem minimalistischen Album spricht, täuscht sich jedoch gewaltig. Es gibt zwar etwas Reduktion, Verschlankung, gerade der geradlinige, recht rockige Beginn lenkt da fast von der Tiefgängigkeit ab, jedoch ist der Sound noch immer sehr detailliert ausgefeilt und äußerst vielseitig instrumentiert, man trägt das nur nicht vor sich her, sondern versteckt das immer wieder geschickt in den Tiefen der wieder einmal grandiosen Melodiensammlung.

Und es gelingt auch, was selten gelingt: Ein langes Album von deutlich über einer Stunde Spielzeit, mit 16 Songs, durchgehend auf hohem Niveau spannend zu halten. Da stecken in nahezu jedem Song so viele Entdeckungen, dass man die nächsten Wochen und Monate immer wieder zu „The Suburbs“ zurückkehren wird. Man wird in vielen der in die Klammer von „The Suburbs“ bis „The Suburbs (continued)“ eingebetteten Stücke plötzlich neue Lieblinge entdecken (derzeit sind es beim Rezensenten die oben genannten, aber auch „Suburban War“, „Half Light I“, Deep Blue“, „Ready To Start“ oder das seltsame „Rococo“ hätten da stehen können).

Zurück zur Kurzform. Hohe Erwartungen werden erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen. Ein neuerlicher Geniestreich, der selbstverständlich ein Album des Monats ist (und auch in der Jahresabrechnung weit oben landen wird, das Jahrzehnt warten wir mal noch ab).

(Addison)

P.S. Arcade Fire live: 31.08. Berlin (ausverkauft!), 28.11. München, 29.11. Düsseldorf
P.P.S. Die Show am 05.08. wird aus dem New Yorker Madison Square Garden live auf You Tube gestreamt! Regie: Terry Gilliam!

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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Kommentare

  1. 21.8.2010 - 9:58 Uhr

    Ich habe bislang leider nur bei amazon reinhören können und muss sagen, dass mich das neue Album nicht so umgehauen hat wie erwartet. Allerdings möchte ich nicht vorschnell urteilen sondern werde mich, nach langer Zeit mal wieder auf machen und einen richtigen Plattenladen betreten. Denn bei so einer grandiosen Gruppe sollte man nicht vorschnell urteilen!!

  2. frostie
    1
    4.8.2010 - 8:44 Uhr

    …und da es sich bei der Band nicht um böse Amerikaner sondern tolle Kanadier handelt, dürfen wir die Musik ja auch hören!
    Ob wir es nach den Hörproben noch wollen, ist eine andere Frage…