Wave Gotik Treffen 2016. Collage von Frank Güthoff (www.störbild.de)
Wave Gotik Treffen 2016. Collage von Frank Güthoff (www.störbild.de)

Munter weiter geht es mit Teil 2 des WGT-Berichtes. Sonntag und Montag hat uns natürlich nicht das Pfeffikoma oder übermäßige Müdigkeit ereilt und wir haben es auch nach einer wirklich bunten Party in der Agra 4.2 am Vortag sogar zu einer Lesung mit Christian von Aster geschafft. Leipzig ist an jenen Pfingsttagen nicht schwarz, sondern ziemlich bunt. Nicht farblich, sondern der Vielseitigkeit der Angebote wegen. Wer noch nie auf dem Südfriedhof war, kann eine Führung mitmachen, die mehrfach angeboten wird. Fast schon traditionell hält Dr. Mark Benecke einen Vortrag. Die Oper und das Gewandhaus sind mit kulturellen Angeboten vertreten, die Bars und Schaufenster sind passend zum Festival dekoriert und der ab Dienstag auftretende Festivalkater hat nur bedingt mit dem Alkoholkonsum, sondern eher mit den vielen Eindrücken und der Herzlichkeit der Leipziger zu tun, die man anfängt zu vermissen.

 

Eigentlich waren es sogar zwei Lesungen des Herrn Christian von Aster, die wir besuchten. Die erste, eine Privatlesung in Christians Gemächern unter dem Motto „Bildung und Brüste“, bei dem die Anwesenden oben ohne dem Vortrag eines Herrn von Aster aus den „Marienbader Elegien“ von Stefan Zweig lauschen durften, die zweite und offizielle Lesung dann vor großem Publikum aus dem neuen Werk für die jungen Leser und über Graf Dracula, der eigentlich auch der Weihnachtsmann ist. Glaubt ihr nicht? Nun, die Ausführungen von Christian machten durchaus Sinn und sind jedem wärmstens ans Herz zu legen. Begrüßt wurde das Publikum mit erfreulichen Anmerkungen zur Privatlesungen und dass sich Interessierte gern in eine Listen eintragen dürften, um der nächsten Veranstaltung dieser Art beizuwohnen. Dann kam der dezent-mobbende Teil „Es gibt einige Leute, die kurz nach 4 gehen müssen. Die dürft ihr dann ausbuhen“. Überlegt kurz, wer da pünktlich gehen musste… Genau, kurzes Grinsen, lautes zurückpöbeln, weiter grinsen und den Saal verlassen. Wer ein klein wenig Humor mitbringt, sollte Christians Lesungen auch auf den kommenden Festivals nicht verpassen. Der Herr selbst hat eine unsagbar interessante Vortragsart, nimmt sich selbst nicht zu Ernst und seine Geschichten spielen sprachlich unsagbar angenehm und witzig mit der deutschen Sprache.

Auch Näo und Legend standen für den Sonntag auf dem Programm. Während Erstere im Täubchenthal spielten und Legend sich den Kohlrabizirkus als Spielstätte erbeutet hatten, befiel mich der Gedanke, dass es wohl sinnvoller gewesen wäre beide Bands nacheinander spielen zu lassen, ist deren Musik doch zumindest artverwandt. Diese Meinung teilte ich wohl mit einigen der Anwesenden, die bei Näo beklagten eher gehen zu müssen, weil sie Legend sehen wollten oder im umgehrten Fall im Legend Publikum standen und darüber jammerten Näo verpasst zu haben. Das was Näo als „Electronic Rock Noise“ bezeichnen, kommt dem, was da im Täubchenthal geboten wurde auch sehr nahe. Kein Gesang, Gitarren, viel Licht und eine Klangwelt die einen nach wenigen Minuten gefangen hält und nicht mehr loslassen will. Es wäre wirklich perfekt gewesen die Franzosen vor Legend spielen zu lassen. Vielleicht beim nächsten Mal dann…
In einem gut gefüllten Kohlrabizirkus fand dann der Auftritt von Legend statt. Irgendwie reichlich leise, wie ich befand, aber ob des manchmal wirklich schrecklichen Sounds in dieser Location wohl die beste Entscheidung. Ein Lied reicht, um sich in die Isländer zu verlieben. Habt ihr noch nicht gehört. Nachholen! Sofort! Diese Bildunglücke muss geschlossen werden. Holt euch das erste Album „Fearless“ und nehmt euch ein bisschen Zeit einzutauchen. Krummy und seine Mannen haben beim WGT ein neues Stück vorgespielt, was also bedeutet, dass neues Legend-Material im Anmarsch ist.

Ein bisschen Anna von Hauswolf gab es im Volkspalast noch zu sehen, bevor wir uns in die lange Schlange vor der „Kantine“ einreihten, um Drangsal zu sehen. Meine Hibbelband des Sonntags. Ich glaube, ich habe alles und jeden genervt und gestresst, weil ich die Band unbedingt sehen wollte. Was sah man? Ein paar Jungs, die den Eindruck einer Schülerband machten. Eigentlich wollte man sie wegen der Verspieler nur drücken und knuddeln. Niemand war ihnen böse, weil sie (bestimmt vor Aufregung) den einen oder anderen Taktpatzer oder Verspieler im Auftritt hatten. Sänger Max erinnerte mich irgendwie an NDW-Zeiten, und ja, der Knuddelfaktor blieb. Im Herbst ist das sympathische Trüppchen auf Deutschlandtour, bis dahin sitzen bestimmt auch die letzten Melodien und ein Teil der Aufregung ist bis dahin verschwunden. Liebreizender und mit mehr „Herzfaktor“ geht es eigentlich kaum. Ich gebe zu, selbst wenn sich der Drummer weiterhin in seiner eigenen Taktwelt befinden würde, würde der Putzigkeitsfaktor, die Songstärke und Max Stimme erneut darüber hinweg helfen.

Die Postpunker von ILikeTrains habe ich mir teilweise im Liegen auf dem Boden angesehen. Hat auch niemanden gestört. Das WGT ist eben so eine Veranstaltung, die selten in Stress und komischen Blicken ausartet. Ziemlich friedlich und tolerant sind seine Besucher. Zumindest was sowas angeht. Bei Kleidung hört es dann fast schon wieder auf mit der Toleranz, verfolgt man so diverse Forenthreads oder Gruppenpostings… Aber das ist wohl wieder ein ganz anderes Thema.

 

Ich gebe zu, der Montag zog sich dann fast schon ein wenig. Nachmittags auf dem Weg zum Agra-Gelände, um Neuroticfish zu sehen, stolperte ich noch in einen lange nicht gesehenen Freund, plauschte und betrat dann nach einer kurzen Taschenkontrolle erneut die Agra-Halle. Die Ruhrpottler hatten eine gute Menge Menschen versammelt, die da zu elektronischer Musik hüpften, tanzten und sprangen. Neuroticfish können das mit der Stimmung eben immer noch. Als Sascha Mario Klein dann (wie vor einigen Jahren schon) fragte „Do you think EBM is dead?“ und für ziemliche Verwirrung unter den Anwesenden sorgte, löste er das Ganze bald darauf auf. „This song is for all the people, who think EBM is not dead“, was frenetisch gefeiert wurde. Vor einigen Jahren zog er mit der Feststellung, dass EBM tot wäre den Zorn einiger Besucher auf sich, die dann durch die Security gebremst werden mussten. An dieser Stelle, stellt sich die Frage, warum man zur Neuroticfish-Website auch über den Link www.ebmisdead.com gelangt, wenn die Musiker doch (inzwischen) das Gegenteil propagieren. Sei es drum, das Duo brachte die Agra-Halle zum Kochen, der Sound war für die Sonst nach Kartoffelkiste klingende Location wirklich gut und die Besucher hatten Spaß. Den philosophischen Fragen zum Thema EBM-Tod gehe ich bei Gelegenheit an anderer Stelle nach.

Velvet Acid Christ: Die Band, auf die ich mich mehrere Tage gefreut hatte, enttäuschte maßlos. Mieser Sound, schwache Performance, Lyrics, die man kaum Verstand. Alles verschmolz zu einem Einheitsbrei, was die Partylaune reichlich verdarb. Selbst das bekannte „Caustic Disco“ ließ keine Tanzstimmung aufkommen, sondern aufgrund minderprächtigem Sound eher Frustration zu Tage steigen, die auch Bier nicht mehr retten konnte. Selbiges galt auch für Aesthetic Perfection, die vor einer prall gefüllten Bühne auftreten durften, aber ein eingeschlafenes Publikum vorfanden. Von der Tatsache einmal abgesehen, dass man den Gesang eines Daniel Graves teilweise kaum verstand und es nur liedweise besser wurde, habe ich noch nie ein so lahmes Publikum bei dieser Band erlebt. Kein Pit, kaum springen, kaum mitsingen. Und dabei war es noch nicht wirklich spät am Abend. Vielleicht zehrten die letzten Partys an den Besuchern, wer weiß das schon. Beim Amphi gibt es dann hoffentlich mehr Partypotenzial.

Motiviert noch Pink Turns Blue anzugucken, ging es dann vom Agra-Gelände zurück in Richtung Innenstadt. Parkplatzsuche. Lange Schlange vor dem Alten Landratsamt. Geknickte Stimmung, denn es herrschte Einlassstopp. Nichts mit Postpunk am Montag, also zogen wir weiter in die Moritzbastei, lauschten noch den letzten zwei Liedern von Biomekkanik aus Schweden, bevor wir bei einer gemütlichen Plauschrunde im Außenbereich das Festival ausklingen ließen.

Fazit: Ein wenig traurig war ich schon darüber das Jubiläumsfeuerwerk nicht gesehen zu haben. Die Tatsache, dass es Leipzig noch immer nicht geschafft hat eine gescheite Umleitung für alle Nicht-Ortskundigen zum Agra-Gelände einzurichten (aber dafür das WGT-Team auf der Website darauf hinwies, dass die entsprechende Straße gesperrt ist), ist ein dezentes Trauerspiel. Die Tankstelle gegenüber der Agra hat vermutlich wieder ihren Jahresumsatz gemacht, was ihnen gegönnt sein soll. Mein Respekt geht an alle, die auch in diesem Jahr wieder gezeltet haben. Tipp an dieser Stelle: Viele Leipziger vermieten ihre Wohnungen über Pfingsten privat. Einfach im nächsten Jahr in den Festivalgruppen mal nachsehen oder bei Air BnB schauen. Da gibt es wirklich günstige Angebote. Die alljährliche Diskussion um den Ticketpreis hätte man sich auch in diesem Jahr wieder schenken können. Ich bleibe dabei, dass auch über 100 Euro gerechtfertigt sind, für das, was geboten wird. Den Treffen-Charakter hat die Veranstaltung noch immer nicht verloren, obwohl stets mehr Spielstätten hinzugekommen sind. Es bleibt eine Art kuschelige Familienveranstaltung, bei der an einigen Stellen an den Soundeinstellungen gearbeitet werden sollte. Manchmal frage ich mich, ob ich in den letzten Jahren zu stimmungsverwöhnt worden bin und deshalb das wirklich entzückend gekleidete WGT-Publikum stellenweise als reichlich lahm befunden habe, oder ob ich einfach wieder mehr EBM-Sachen ansehen und im Pit mitspringen sollte, um dieses Feeling wieder zu kriegen. Zumindest einmal im Leben sollte man wohl Leipzig an Pfingsten besucht haben, um sich einen Einblick in das WGT zu verschaffen, es gibt neben Konzerten, Lesungen und Führungen auch unendlich viele Museen zu besichtigen, zu denen man freien Eintritt mit dem Festivalbändchen hat. Das Leipzig eine der schönsten deutschen Städte ist, kann ich an dieser Stelle nur obendrauf erwähnen. Es lohnt sich! Absolut!

An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Facebook-Seite unseres Electrobereiches hinweisen. Diese findet ihr hier!

Letzte Aktualisierung: 7.7.2016 (c) depechemode.de

 Josie Leopold
Ich bin die kleine Schnatterschnute vom Dienst: bunt, glitzernd, voller verrückter Ideen. Wenn ich nicht gerade Interviews führe, Beiträge verfasse oder versuche Wordpress davon zu überzeugen doch bitte nett mit mir zu sein, versuche ich die Welt ein bisschen besser und bunter zu machen.

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